Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 3 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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so weiß, daß die innere Anständigkeit, die aus jener rücksichtslosen Hintansetzung seiner selbst spricht, einen Grundzug seines Wesens bildete, und daß sein letzter Kampf nicht sein schmerzlichster gewesen ist. Es wurde ihm schwerer als den meisten andern, sich innerlich zu behaupten. Er lebte die ersten Jahre seines Studiums in einer tiefen geistigen Not, wie sie nur der männliche Drang nach einem hohen Ideal bereiten kann. Wertvoll schien ihm allein der produktive Mensch zu sein, und da er Schöpferisches in sich nicht entdecken konnte, so verzweifelte er daran, überhaupt etwas zu sein. Er überspannte die Forderungen, die er an sich stellen durfte, er verschmähte es, sich mit sich selbst ajuf einer mittleren Linie zu verständigen, und lebte mit zusammengebissenen Zähnen in einer Atmosphäre völliger Aussichtslosigkeit. Dieser Zustand mag vielen als eine bedauerliche Schwäche erscheinen; ich sehe in ihm norden Kampf des Juden um seine Persönlichkeit, um so ergreifender, je edler der ist, der ihn führt. So lange hinter allen Juden nicht ein wirklich geeintes jüdisches Volk steht, muß jedes neu heranwachsende Geschlecht sich aus dem Zerfall des Goius, in den es hineingeboreu wurde, jenes Gleichgewicht der Seele erst mühsam erringen, das andere glücklichere Nationen schon von Haus aus besitzen und trotz Sturm und Drang niemals verlieren können. Steinfeid war seelisch ungewöhnlich fein angelegt und stand diesem Judenschicksal wehrloser als?der Durchschnitt gegenüber. Aber gerade in den letzten Monaten vor seiner Einberufung schien er zum ersten Mal seine Verzweiflung wirklich überwunden zu haben. Ich glaube, daß die nationale Idee auch ihn erfaßt hatte und ihm schließlich die Ruhe gegeben hätte, die ihm fehlte, um seine reichen Fähigkeiten wirklich zu betätigen. Sein Tod trifft uns doppelt schmerzlich, weil er diesen schöneren Teil seiner Jugend4 nicht mehr erleben durfte. Aber wir wollen es ihm nicht vergessen, daß er um sein Menschentum bitter gekämpft hat und daß er, zum innern Frieden gelangt, sich doppelt furchtbar hätte entwickeln müssen, Siegfried Weit 2 mann