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Der jüdische Student · 1915-08-12 · Heft 3 (12.8.1915) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
12 (1915-1916)
Issue
Heft 3 (12.8.1915)
Date
1915-08-12
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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66 Der Jüdische Student und ferner über die dunkle Nacht und durch den Wald leuchteten, und wie die Mannschaften mehrstimmig und sentimental sangen, vom fernen Liebchen und Abschied und Sterben, — das gehört eben einmal zum richtigen Soldatenleben; und das hat man uns in Frankreich nicht geboten. Nachts im Zelt ist es zwar kalt, aber ich habe gestern schon besser geschlafen als im ersten Biwak, Jetzt am Tage liegen sie alle bei ihren Zelten^ viele baden unten im Bache, und oben in der Luft kreisen die Flieger wie große Maikäfer. — — — Aber ich wollte Dir ja von meinen jüdischen Erlebnissen berichten. Ich schwelge in jüdischen Kulturstudien, und das Studium der jüdischen Volksseele ist es, was den Krieg im Osten so interessant macht Ich werde der Reihe nach erzählen. In unserem ersten Quartier, in Wieliczka, waren wir schon beim Einmarsch von den Schläfenlockigen, die ihren besten Schaboskaftan spazieren führten, umringt. Großes Erstaunen auf Seite der Germanen! Wieliczka ist eine ziemlich große Stadt mit vielen Juden. Sie sind fast alle fromm. Die meisten sind Chassidim. Im Quartier lag ich bei Herrn Blau, einem der wenigen, der ebenso wie sein Bruder, ein Dentist, nicht fromm ist Am Abend ging ich in die Synagoge und sah zum ersten Mal einen chassidischen Gottesdienst, ich war erstaunt über die Bewegtheit, oder besser Wildheit dieses Gottesdienstes. Da saßen sie in der Dämmerung und sangen vor Sabbathschluß chassidische Lieder, Männer mit riesigen Barten und geradezu fabelhaften Schläfenlocken. Die Melodien sind nicht reizlos, aber die Singweise wirr und ungeordnet Dann wird — auch das ist anders als bei uns — gebenscht, und dann erst wird das Abendgebet gesprochen oder vielmehr geschrieen. Sitze sind nur an den Seiten angebracht, der größere innere Teil des Raumes bleibt» ebenso übrigens wie ift den Kirchen, frei. In den Kirchen stehen die Betenden in diesem Räume, während die Chassidim durcheinander laufen. Ich war geradezu erschreckt,, als plötzlich ein junger Mann neben mir aufsprang und mit wilden Gebärden auf- und niederzugehen begann, im ganzen macht der Gottesdienst in seiner Erregtheit keinen geringen Eindruck, wenngleich man von Bubers Geiste in diesem Chassidismus wenig verspürt. Buber nennt die jetzigen Chassidim freilich selbst „entartet," und ich bin der Ansicht, daß dieser Chassidismus untergehen wird. Ich glaube es vor allem wegen der Mädchen. Es ist erstaunlich und deprimierend zugleich, zu sehen, daß nirgends vielleicht das Problem der Mädchenerziehung brennender ist, als hier, bei den Chassidim und überhaupt den gaüzischen Juden* Man glaubt es kaum, daß die Mädchen, die in seidenen, grellen^ modernen Kleidern, zum Verwechseln ähnlich den Mädchen von Berlin W-, in den Straßen einherspazieren, und xJas Entzücken.

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