Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 6 (23.1.1915)
- Date
- 1915-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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148 OerJüdische Student Feldbriefe, . O s t p r e u 5 e n, 22, September 1914 Lieber Erich Cohn! Wir haben heute Rasttag, ich sitze an dem scharfen Herbsttage aaf eine;:! rsquincTtea Stuhl 'am requirierten Tisch neben de&l Feuer, auf dem das Fleisch von dem requirierten Ochsen in einen gtmieBbaren. Zustand gebracht wird. Wir haben nunmehr also beide russische Armeen — die Narew-Amiee und die Armee Rennenkampt — ans Ostpreußen hinausgeworfen. Vostder erstehen dürften nur Trümmer übrig geblieben sein, während das Gros der Resmeskampf sehen anscheinend entkommen ist Aach ich glaube, daä man im Volke die Russen niedriger eingeschätzt hat, als sie es verdienen. Fasi scheint es — ich hin natürlich kein kompetenter Beurteiler —, als ob die russischen Soldaten uns in manchen technischen Dingen überlegen wären/ Ich habe geradezu hervorragende.russische Verschanzungen gesehen, mit verblüffender Exaktheit und bewundernswertem FieiS ausgehobene Schützengräben tind Kochlöcher; die Fernsprechtruppen 'sind mit modernstem *öerät ausgerüstet und gut auagebSdet und werden richtig verwendet. Der russische Soldat ist anscheinend an Arbeit gewöhnt und erhält auch von den Offizieren gute Anleitung; und doch siegen unsere Truppen über an Zzh\ erheblich überlegene Gegaer, Entscheidend ist eben doch in letzter Linie nicht die Technik, sondern der Geist Der deutsche Soldat weiß zwar nicht immer im einzelnen die Grunde dieses Krieges» aber er hat das empfinden, daS diese Auseinandersetzung notwendig geworden war, und daß Deutschland siegen muß, und in diesem Gefühl geht er vorwärts, unaufhaltsam vorwärts durch den Kfcgelragen und denkt üaraj^jiaS mit jedem Siege das Ende des Krieges ni&ergeruefe wM. Der Russe ist nur widerwflUg in den Krieg gezogen, der Krieg ist ihm aufgezwungen — ein Teil läßt sich einreden: vom deutschen Kaiser dte.-intelBgenteren .halten die Großfürsten für die Schuldigen' —, der Ausgäng - des Krieges ist ihm gidchgiitig. Bei der ganzen!Bnerpolitiscfaes|Siti2atio^ in Rußland ist dem Einzelner* der russsische Stast Hefcub&i So erJdSrt skh die ungeheure Anzahl der hier gemachten Oefangenen. Ween die Rui&ea sehen, daS -ur?^e Schützenlinien näher kommen, schwinget* üe' weiBe Tücher und ergeben sreb- Charakteristisch ist. daß bei den letzten. -Kämpfen hier im Norden 16 Mann von der großen Bagage SOG Gefangene . .gemacht haben. Ich nehme' an, daß die Offiziere vorher gefallen oder verspreiigisind. Der Russe ist ein guter Soldat, wenn ' er. einen gute« Führer hat Uad darauf gründet sich auch meine Hoffnung : an Menscherrmateriai für Soldaten dürfte Rußland vielleicht unerschöpflich sein, aber die Oberschicht, die die Offiziere liefert, ist wphl verhältnismäBig dunst und dürfte doch bald erschöpft sein; Selbstverständlich interessieren mich unter den russischen Gefangenen ■.'besonders die Juden. Sie heben sich vor allem dadurch hervor, daS sie . deutsch können. Sie geben ihrem Widerwillen gegen den Krieg offenen Ausdruck. In Insterb&rg wurden zwei Gefangene eingebracht die uns Kaut * zuriefen: Wir sind Juden, wir haben auf die Deutschen nicht geschossen.