Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Der Judische Student schon, oder eigentlich und besser: immer noch so stark lebendige Gegenwart, daß wir hier den Ueberblick über die Geschichte der Juden Polens abbrechen können und in die Schilderung ihrer heutigen Lage eintreten müssen. Das ehemalige Königreich Polen ist heute der Hauptsitz der russischen Juden. Zwar übersteigt die der Zahl außerhalb Polens gelegenen zum sogenannten Ansiedlungsrayon gehörigen Gouvernements die der polnischen (14:10), aber ein raffiniertes Unterdrückungssystem der russischen Regierung zwang die Juden, aus den andern Bezirken des „Rayons" mehr und mehr nach dem Osten, nach Polen abzuwandern, so daß die zehn polnischen Gouvernements heute 75 Prozent aller Juden Rußlands, also 4—5 Millionen jüdische Seelen umfassen und in einzelnen Städten das jüdische Element 90 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. In anderen Ländern müßte solches Ueberwiegen einer Bevölkerungsschicht dieser auch eine politische, wirtschaftliche und soziale Vorrangstellung verschaffen. Nicht so in Rußland. Hier ist es einem bis iiis Kleinste fein ausgedachten System gelungen, aus den zahlenmäßig Starken die politisch, wirtschaftlich und sozial Schwächsten zu machen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, im Rahmen \dieses kurzen Ueberblicks dies alles durch Statistiken zu belegen, aber zwei Zahlen, die die Situation der polnischen Juden wie mit einem grellen Blitz beleuchten, mögen doch hier ihren Platz finden. Im Jahre 1912 betrug die Zahl der polnischen Juden, die völlig von Unterstützung durch andere leben, der sogenannten „Pauper", 25 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Man bedenke, ein Viertel der in Polen lebenden Juden ist überhaupt nicht imstande sich selbst zu ernähren. Und die zweite Zahl: die jüdische Gemeinde in Warschau mit 340 000 Mitgliedern bringt aus Steuern jährlich im ganzen knapp eine halbe Million Mark auf und 25 % ihrer Mitglieder sind nicht in der Lage, den Steuermindestbetrag von 2 Rubeln jährlich zu bezahlen. Will man verstehen, wie es möglich wurde, die einstens (vor der Angliederung an Rußland) wohlhabende und wirtschaftlich wohlorganisierte Judenheit Polens auf diesen Standard of life herabzudrücken, so muß man bei dem famosen System des Ansiedlungsrayons beginnen. Es ist bekannt, daß dieses den Aufenthalt im gesamten russischen Reiche nur einer kleinen Schicht der Juden, den Kautieuten I. Gilda (Kaufleute, die eine jährliche Handelssteuer von 800—1000 Rubeln zahlen), Akademikern, Handwerkern und KontroUdirnen einräumt und immer neue Mittel findet, den Kreis dieser Privilegierten durch schikanöse Ausdeutungen zu beschränken. Die notwendige Folge davon ist, daß sich die wirtschaftlich Schwachen in dem Ansiedlungsrayon, vornehmlich in Polen, wo relativ noch die größte Freiheit herrscht, rammeln müsseh und ein Heer von Händlern, Hausierern, kleinen