Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Der Judische Student sichtiger sein wollen, die Judenheit Polens charakterisiert. Nun bin ich gewiß der Letzte, der die notorisch vorhandenen ästhetischen und moralischen Mängel eines großen Teils der polnischen luden nicht sähe und zugäbe. In dem oberschlesischen Grenzbezirke beheimatet, habe ich häufig genug Typen polnischer Juden zu Gesicht bekommen, auf deren Aussehen das Signum Schmutz und Verwahrlosung, auf deren Geschäftsgebaren und Lebensführung die Bezeichnung Unredlichkeit und Gewinngier zutrifft. Und dennoch soll man sich hüten, von „polnischen Juden" mit jenem Unterton der Verachtung zu sprechen- Denn jene Eigenschaften, die sie der Verachtung preisgeben, sind die Wundmale ihrer Geschichte und sozialen Lage und können sie schon darum nicht schänden. Verachtung aber muß zum Mitleid und zur Achtung werden, wenn man sich vorstellt, daß die letzte Ursache ihrer entsetzlichen wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Not, aus der doch allein die Häßlichkeit ihres Aeußern und der Zwang zur Unredlichkeit sich erklären lassen, in einem beispiellosen Idealismus, in der unbeugsamen Treue zu ihrem Volkstum und Glauben zu suchen ist. Man hat das jüdische Volk schon oft den Paria unter den Völkern genannt Für uns westeuropäische Juden mag dieses Wort nur in einer entfernteren Bedeutung zutreffen, für die Juden Rußlands jedoch und im besonderen für ihren in Polen sitzenden Hauptteil ist es Wahrheit in seiner verwegensten Bedeutung. Brutaler Machtwahnsinn einer schamlosen und verlumpten Hof- und Polizeidespotie hat die polnischen Juden durch abgefeimte und ausgeklügelte Maßregeln und Mittelchen bis zur Verzweiflung und zum Verzicht auf jeden Widerstand gequält. Von aller Weit verachtet und deshalb ohne Hoffnung, daß ihnen von außen her Befreiung kommen könnte, in ihrem Willen so zerbrochen, daß jede Neigung zur Selbstbefreiung ihnen fehlt, sind sie für die russische Regierung und ihre zahllosen Instrumente bisher stets nur ein Objekt der Gesetzgebung gewesen. Ihre zahlenmäßige Größe, die vielleicht die Volkszahl mancher für die europäische Politik wichtigen Nation übertrifft, hat an ihrer politischen Stellung nichts zu ändern vermocht. Sie waren für Westeuropa kulturell eine unbekannte, verachtete Welt, politisch eine quantitenegligeable, für Rußland ein zum Tode verurteiltes Volkselemenl, dem man nach dem Rezepte Podbjedonoszews beizukommen versuchte. Da kam dieser Weltkrieg, der wie ein furchtbarer Sturmwind über das alte Europa dahinbraust, Völker und Staaten im blutigen Tanze durcheinanderwirbelt und überall das Unterste zu oberst kehrt. Und siehe da, wir erlebten ein merkwürdiges Schauspiel : Die verachteten und geknechteten polnischen Juden traten mit einem Male aus dem Dunkel ihres Ghettodaseins in das helle Licht europäischer Politik; sie, die bis dahin vor der schlechten Laune irgend eines Polizisten gebangt hatten, sahen sich mit