Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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112 Der Jüdische Student Wenn wir diese Veränderungen willig übernehmen, so hat das einen wichtigen Grund: wir wissen genau, daß sie imstande sind, die wertvollen Elemente des üblichen studentischen Verbindungslebens nicht nur zu ersetzen, sondern in bester Weise in modernem Sinne weiterzuentwickeln. Die neuen Veranstaltungen geben unsern Bundesbrüdern mehr als Stunden des Zusammenseins, sie geben Stunden gemeinsamen Erlebens. Und das ist das Wesentliche! Wem einmal in schwerem Unwetter eine gefährliche Ueberfahrt über stürmischen See in halbvollgeschlagenem .Boot gelungen ist, wer bei Regenwetter im Walde schließlich ein trockenes Plätzchen gefunden und dort mit vieler Kunst und Mühe den Spirituskocher entzündet hat, der erinnert sich noch lange der Fahrt genossen, der plaudert mit ihnen noch nach Jahren über das gemeinsam Erlebte und fühlt sich mit ihnen auf neu4^ Art tiefer und fester verbunden. Sie alle bewahren es als gemeinsames Erlebnis, wie sie einmal eine einsame Quelle fanden, wie sie von hoher Böschung den Glanz der abendlichen Wiesenniederung betrachteten oder wie sie durch den dunklen, rauschenden Waid einen stillen Heimweg gingen. — Wenn alte Korporationsstudenten unser Tun als gegen den echten Verbindungsgeist verstoßend mit Mißtrauen betrachten, so mögen sie eins bedenken. Die neue deutsche Jugendbewegung, deren Geist unsere neuen Veranstaltungen entnommen sind, war vor dem Kriege eine außerordentliche Macht und wird nach dem Kriege immer mehr die Herzen der Jugend gewinnen. Sie muß siegreiche Fortschritte machen, weil alle die Sportsleute und Wanderer, die Freischärler und Vortruppier bei noch so starken Abirrungen im Einzelfall einen gesunden, dem nationalen Leben entspringenden Grundgedanken vertreten. Die Jugend, deren Sinn für natürliches Wesen und natürliche, heimatliche Schönheit geweckt, die selbständig, gesund und kräftig an Leib und Seele werden soll, wird eine Pflanzschule wertvoller, mit edlen Tugenden begabter kulturvoller Menschen werden. Die korporativ organisierte Studentenschaft wird sich mit dieser Bewegung auseinandersetzen müssen, wenn sie nicht den Zusammenhang mit wichtigen Teilen der akademischen Jugend verlieren und ihrer alten Aufgabe, die Bildnerin eines edlen Mannestums zu sein, untreu werden willi Wir glauben, daß diese Auseinandersetzung in der Weise der von uns begonnenen Ausgestaltung des Korporationsbetriebes vor sich gehen wird, der, bei aller Wahrung des Verbindungscharakters, die Korporationen mit einem neuen und besseren Geist erfüllt Wir wollen uns nicht in einen exklusiven Gegensatz zu den neuen allgemeinen Bestrebungen versteifen, der nur die Pflege eines einseitigen und hohlen gesellschaftlichen Formalismus zur Folge haben könnte,