Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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\ Der Jüdische Student 93 Die deutschen Juden und der Krieg Als in den ersten Tagen der Mobilmachung über alle Bürger des Reichs ein deutsches Erleben sondergleichen kam, da fragte mancher, nicht nur mancher Gegner, sondern auch mancher Oesinnungsfreund, ob angesichts dieser überwältigenden Einheitlichkeit Sonderbestrebungen wie der jüdische Nationalismus überhaupt noch zu halten seien. Die Frage ist naiv. Wir haben mit berechtigtem Selbstbewußtsein oft genug hervorgehoben, daß unsere Judenpolitik, im Gegensatz zu der sogenannten offiziell-jüdischen, nicht in ephemeren Zweckmäßägkeitsrücksichten, sondern in wirklich historischen Erwägungen begründet ist und ebenso den inneren jüdischen Bedürfnissen wie unserer äußeren Situation entspricht. Die Feuerprobe, die wir jetzt zu bestehen haben, erweist besser als alle Theorien, wie gerechtfertigt in jeder Beziehung diese Auffassung ist Zum Nationaljudentum bekennen wir uns, weil wir eingesehen haben, daß nur der nationale Gedanke die Erhaltung des Judentums garantiert, und aufhören, uns als Nationaijuden zu fühlen, könnten wir nur, -wenn von diesem Kriege eine die Erhaltung des Judentums verbürgende Lösung der Judenfrage in irgend einem anderen Sinne als dem nationalen zu erwarten wäre. Diese Annahme ist unmöglich. Im Gegenteil, wenn eine Vorhersage gewagt werden darf, ist es die, daß infolge des Krieges die Judenfrage in ein brennenderes Stadium treten wird denn je. Ein Blick auf die in dem Kriege sich ausdrückende kulturelle Situation gibt in dieser Beziehung die wertvollsten Lehren. Noch nie ist vom deutschen Volke ein Krieg aus so bewußt nationalen Motiven unternommen und mit einem solchen nationalen Idealismus geführt worden wie dieser. Lamprecht, der Leipziger Historiker, sieht in ihm die Entladung des nationalen Geistes, den das 19. Jahrhundert reifen ließ. „Noch die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts hat das, was unsere Väter und Großväter Nationalbewußtsein nannten, kaum gekannt; noch für einen der großen Dichter und Denker dieser Zeit war es eine