Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1919)
- Date
- 1919-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Aus den Korporationen Akademische Verbindung Kadimah9 Wien Wir sollten unseren Bericht eigentlich vom vorigen Semester anfangen, des Umfanges wegen wollen wir aber erst mit dem Besuch des Bbr. Perl beginnen. Die Anwesenheit P e r 1 s in (Wien war von sehr guter Wirkung für •sehr viele Bundesbrüder, namentlich auf einige, die den Geist des K. J. V. jmr aus dem J.St. kannten und ihn, was leicht einleuchtet, rast völlig verkannten. Hoffentlich wird es K. J. V.-ern in absehbarer Zeit möglich sein, in Wien ein oder das andere Semester zu studieren; für uns Wird die Möglichkeit des Studiums im Auslande infolge des tristen Standes der ■österreichischen Valuta nicht so bald gegeben sein. Jedenfalls wollen wir hoffen, daß die Bekanntschaft mit dem ,K. J. V.-er-Geist nicht mehr nur von kurzen Besuchen einzelner K. J. V-er abhängig sein wird. •lieber den Verlauf der Konvente mit Perl wird er wahrscheinlich selbst berichtet haben; wir begnügen uns, festzustellen, daß der frische Luftzug, der in unserer (Korporation schon wehte, durch seine Anwesenheit in einen Wind verwandelt wurde, der hoffentlich manche Spreu Wegfegen wird. Die meisten Bundesbrüder stehen im Prinzip auf dem Boden der Kartelltagsbeschlüsse, doch ist die Majorität noch gegen eine vollständige Uebernahme derselben, da ihrer Ansicht nach die österreichischen Verhältnisse eine solche noch nicht zulassen. Der am 20. und 27. September 1919 tagende G. C, der nach einem eingehenden Referate des Bbr. Dr. Mandl die Reformbestrebungen (Sport, Einschränkung des Fechtbetriebes, obligaten Hebräisch-Unterricht etc. ^etc.) fast einstimmig billigte, gab dem neuen C. C. (Hermann Lilienfeld *, Felix Unger **F*, Otto Lifczis ***) die Möglichkeit, sein Programm, die Verbindung zionistisch zu radikalisieren, d. h. die Bundesbrüder dahin zu bringen, ihr Leben vom Zionismus beeinflussen zu lassen, zu verwirklichen. Nach dem Kriege lag das Verbindungsleben bei uns derart darnieder, daß man es bezweifeln mußte, ob jemals wieder die alte Einheit, Geschlossenheit und Bundesbrüderlichkeit die Kadimah beherrschen werde, .damit sie eine Kampftruppe werde, wie einst. Ohne uns loben zu wollen, muß ich gestehen — und. es sind noch viele meiner Ansicht, die dem C. C. nicht so nahe stehen wie ich —, daß es uns in verhältnismäßig ganz kurzer Zeit gelungen ist, der Kadimah eine feste FoTm und ein starkes Rückgrat zu geben. Unsere Arbeit wird zwar durch die Ungunst unserer Verhältnisse sehr behindert; so verkehrt zum Beispiel die letzte Straßenbahn abends um 8 Uhr, Lichtsparrnaßnahmen, Holz- und Kohlenmangel machen uns allzuhäufigen Budenbesuch unmöglich, doch der gute Wille aller hilft uns nach Möglichkeit, unser Programm durchzuführen. Nun einiges aus dem Tagebuche des Wintersemesters, das Euch wohl zur Genüge beweisen wird, wie ereignisreich unsere Tage waren, und -wie 'mannigfaltig unsere Arbeit ist. Die antisemitische Propaganda hat in letzter Zeit in Wien stark zugenommen, und die zahlreich besuchten Versammlungen, in denen unter wüsten Schmähreden gegen Juden und Regierung für die Fortschaffung der Ostjuden demonstriert wurde, ließen Pogrome befürchten. Um diesen Pogromen zu begegnen, ohne dem Wohlwollen der Polizei und Volkswehr wehrlos ausgeliefert zu sein (das Verhalten dieser beiden war übrigens einwandfrei) wurde von unseren Alten Herren Dr. Krenberger und Ing. Eugen Buchbinder und a.B. Jakob Wein er eine Selbstwehr organisiert, der sich alle Kadimahner anschlössen. Sowohl jam Rosch haschanah als auch am Jörn kippur waren wir den ganzen Tag in unserer Kaserne bereit, im Augenblick der Gefahr einzugreifen. Zum Glücke haben sich die Deutschradikalen mit wüstem Geschimpfe