Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537737-3537741--4552-3542306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Simon, Die innere Krisis 129 Die Entwicklung des K. J. V. ist ein Stück jüdischer Geschichte, und ist also auch den Gesetzen unterworfen, die seit der Diaspora die Geschichte unseres Volkes beherrscht haben. Stärker als bei irgend einer anderen Nation läßt sich in unserer Vergangenheit und Gegenwart die Wechselwirkung zweier Faktoren oder Komponenten nachweisen, die in mannigfaltiger, immer wieder anders gefärbter Mischung, die Haupttatsachen jüdischer Geschichte bestimmten. Wir wollen diese Komponenten hier einmal die positive und negative oder besser die aktive und passive nennen. Immer also haben sich die Dinge, die das jüdische Volk getan oder gewollt hat, verbunden und gekreuzt mit denjenigen, die seitens der anderen Völker auf uns einwirkten, die wir, freudvoll oder leidvoll erlitten haben. Man gelangt bei dieser Betrachtungsweise, die hier nur angedeutet werden kann, zu dem logischen Schluß, daß Zionismus der Sinn jüdischer Geschichte, das er eine besonders fruchtbare Mischung der aktiven und passiven Komponente ist, die man hier zur Verdeutlichung etwa messianische Idee und Judennot, oder auch Assimilation und Antisemitismus nennen kann. Der Zionismus' ist die Resultante dieses geschichtlichen Kräfteparallelogramms, das jedoch kein errechnetes, sondern ein lebendiges Gebilde ist. Sehen wir zu, ob und inwieweit sich diese Gedankengänge auf das Kartell anwenden lassen. Wir wollen nun zunächst die Zusammensetzung unserer Bundesbrüder untersuchen, um darfh festzustellen, wie die verschiedenen Komponenten auf die verschiedenen Schichten eingewirkt haben. Da ist zunächst der Kreis älterer, hochverdienter Bundesbrüder, der getrennt zu behandeln ist von der Schar seiner jugendlichen Anhänger, die zwar glauben, seinen Gedanken und Absichten nahe zu stehen, in Wirklichkeit aber, einfach durch die Tatsache, daß sie jung sind, doch — und zwar meist, ohne es zu wissen — eine völlig andere Struktur aufweisen. Ich glaube nicht, daß man diesen Alten Herren Unrecht tut, wenn man sie als Nationaljuden, aber nicht als Zionisten anspricht. Ist nämlich Zionismus! mehr als ein bloßes Bekenntnis zum jüdischen Volk, mehr als ein nur politischpraktisches Wirken für die Gemeinschaft, ist er unser Rückweg zur Menschheit, ist er die brennende Sehnsucht, mit unseren Händen am Bau des Volkes mitzuarbeiten, und ist er trotz und wegen dieser kompromißlosen Verknüpfung mit Palästina so innerlich fundiert, daß seine Anhänger auch dann Zionisten bleiben würden, wenn Erez Israel durch ein Erdbeben vom Boden verschwände —t so kann man jene Männer wohl kaum mehr als Zionisten betrachten. Es 'steckt in dieser Unterscheidung keine Wertung, sondern nur eine Definition, und man könnte milder sagen, sie sind keine Chaluzim, aber Zionisten. Das wäre in der Sache dasselbe: es