Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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LEHMANN, Erziehung zur sozialen Arbeit 65 Die Settlement-Bewegung ging in den achtziger Jahren von Oxford er Studenten aus, die als Erste den Versuch machten, in dem Londoner Proletarier-Viertel eine Niederlassung zum Zwecke sozialer Arbeit zu gründen. Söhne aus den vornehmsten englischen Familien vertauschten ihr behagliches Bürgerleben mit dem schweren, aufopferungsreichen Wohnen unter der armen Bevölkerung, um dort in wirtschaftlicher und in geistiger Beziehung zu helfen. Der Oedanke, der bei uns Juden einst im Vordergrunde unseres Gemeinschaftslebens stand, der Oedanke, daß ein Volksgenosse für den anderen unbedingt verantwortlich sei, wurde in der englischen Studentenschaft durch Carlyle und Ruskin geweckt und führte in der Settlement:Bewegung zu Taten der Liebe und Hingabe an das Volk, mit denen wir in der jüdisch-nationalen Bewegung vielleicht die Taten der Bilu vergleichen können. Die Erfolge, die durch jene^Methode der Volkserziehung erzielt worden sind, sind so vortrefflich, .daß es Pflicht jeder national-gesinnten Sludentenschaft ist, sich aufs Eingehendste mit dieser spezifisch studentischen Bewegung zu beschäftigen. Aber für kein Volk scheint die Settlement-Bewegung von größerer Bedeutung werden zu können als für das Jüdische, aus Gründen, die ich ^später noch darlegen werde. Das erste jüdische Settlement entstand im Mai 1916 in Berlin, bald darauf folgte Leipzig. In Hamburg, Breslau, Frankfurt, Köln ist man heute mit Vorbereitungsarbeiten für ein Settlement beschäftigt In Warschau und in Serajewo ist von Helfern des Berliner Volkheims mit Volksheimarbeit begonnen worden. Das in einer Ostjudengasse gelegene Heim macht es sich zur Aufgabe, die in der Nachbarschaft des Heims wohnenden Familien zu einer Nachbarschaftsgemeinde zusammenzuschließen und in diese Gemeinde den Geist jüdischer Erneuerung hineinzutragen. Bis zum Alter von sechs Jahren sind die Kinder im Kindergarten, vom 7. bis zum 10. Jahre im Kinderhort, vom 11. bis zum 14 in den Jugendkameradschaften, die nach Art der amerikanischen Jugend-Klubs mit Selbstverwaltung und Rechtsprechung durch die Knaben selbst ausgestattet sind. Kommt der Knabe aus der Schule, so tritt er in den Lehrlingsklub ein und nach weiteren Jahren in die Klubs junger Leute oder in die Klubs der Erwachsenen. Durch zwei wesentliche Momente unterscheidet sich ein solches Volksheim von allen übrigen Erziehungs-Instituten : die Jugend kommt schon in frühestem Kindesalter ins