Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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60 LEHMANN, Erziehung zur sozialen Arbeit Völker arbeiteten. Denkt an die gewaltige Bewegung „Ins Volk" im Rußland der sechziger Jahre, die eine Bewegung der nationalen Studentenschaft war. Denkt an* die Taten der englischen und amerikanischen Studenten in der Settlement-Bewegung oder an das Werk der dänischen und finnischen Studenten und vergleicht diese Taten mit der bisher von der jüdischen Studentenschaft geleisteten Arbeit: Ihr werdet erkennen, daß es wahrlich kein Ruhm ist, jüdisch-nationaler Student zu sein. Möchte man nicht überhaupt das Nationalbewußtsein, all die Worte von der Einheit des jüdischen Volkes für eine widerwärtige Lüge halten, wenn man erfährt, daß man aus den Reihen der nationalen Jugend Deutschlands vor kurzem Menschen suchte, die in einigen besonders hart getroffenen jüdischen Städten des Ostens soziale Hilfe leisten sollten und daß nicht ein einziger, nicht einmal eine jüdische Frau, diesen Appell hörte, obgleich es nicht unbekannt war, daß Tausende von Kindern dort sterben und Tausende von jungen Menschen, die einzige Hoffnung unseres Volkes, zu Schändern unseres Volkes werden, nur weil keiner da ist, der für diese Jugend sorgt? In Warschau verhungert und verkommt die Jugend zu Zehntausenden, in Lemberg treiben zehnjährige Jungen aus Not einen schwunghaften Mädchenhandel und die sogenannte volksliebende, eifrig diskutierende oder fröhlich wandernde nationale Jugend schließt die Augen vor der Not ihres Volkes und berauscht sich an der Hoffnung, daß in Palästina einmal bessere Zeiten für unser Volk kommen werden. Wahrlich, das Problem: Wie hilft eine nationale Studentenschaft ihrem unglücklichen Volke mit dem geringsten Aufwand an Kraft und Hingabe? hat die westjüdische Studentenschaft vorbildlich gelöst: Man setzt sich behaglich in den Clubsessel und sucht die Probleme der Not des Volkes an Hand von Büchern oder in abendlichen Diskussionen wissenschaftlich zu lösen. Theoretische Beschäftigung mit den unerhörten Zuständen unseres Volkes strengt nicht weiter an, bringt nicht aus dem Gleichgewicht, schmutzt nicht, kurz: ist die sympathischste Art; unser nationales Gewissen und unser soziales Verantwortungsgefühl zu beruhigen. Das Volk verhungert und verkommt weiten Wir machen dem Kartell nicht den Vorwurf, daß heute nur sei4 wenige Bundesbrüdef soziale Arbeit am Volke leisten, sondern wir beschuldigen das Kartell vor allem, daß es in seinen Verbindungen gar nicht den Geist