Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 15 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3-4 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Weiß, Josef Levy — Riese, James Sokolowski 61 Josef Levy Im Sommersemester 1916 lernte ich Josef Levy in Bonn kennen. Er stammte aus orthodoxem Hause und war jüdisch gut durchgebildet. Da er zudem der Bruder eines Bundesbruders war, war ihm auch unsere Tendenz nicht fremd geblieben. Dennoch war es für ihn noch lange nicht selbstverständlich, unserer Korporation beizutreten. Er mußte sich erst aus innerer Ueberzeugung zu dieser Notwendigkeit durchringen. Da halt weder die Zugehörigkeit seines Bruders zum Kartell noch Vieles Keilen. Und er hat sich zu diesem Entschluß, durchgerungen. An einem Freitag- Abend, als ich es gar nicht erwartet hatte, trat er an mich heran und sagte, indem er mir die Hand reichte: Ich melde mich aktiv. Das war seine Art. Jedem Drängen abhold, solange er mit sich noch nicht einig war; dann aber, ohne gedrängt zu werden, selber überzeugt von der Notwendigkeit, offen und ehrlich zu gestehen: Ich gehöre zu Euch. Ja, er gehörte zu uns; das "hat er während der kurzen Zeit, die er bei uns und 'mit uns verbrachte, bewiesen. Gesund an Körper und Seele, stellte er eine glückliche Verbindung echten geistigen Strebens und frischer Körperlichkeit dar. Die geistigen Inhalte, die ihm das K. J. V. zu bieten hatte, erfaßte er mit Eifer und rastlosem Streben, blieb aber dabei ein Freund jedes Sports, namentlich größerer Wanderungen. Nur ein Semester konnte er bei uns verweilen. Zu Beginn des zweiten Semesters wurde er eingezogen Er war längere Zeit als Sanitäter in einem Krankenhaus zu Altona tätig. Später mußte er ins Feld ausrücken, wo er am 21. März 1918 beim Vorgehen mit der zweiten Sturmwelle gefallen ist. S a 1 Ii W e i ß; James Sokolowski Mir ist es nicht darum zu tun, euch ein Lebensbild meines toten Freundes zu entwerfen; zu sagen, wie er war und wie er hätte werden können; täte ich dies, ich handelte kaum im Sinne des Toten, der viel zu schamhaft war, als daß er sich irgendwo gern als Gegenstand des Interesses oder der Beurteilung gesehen hätte. Auch lebe ich selbst nicht schon fest genug in der Gewißheit seines Todes, als daß ich genügend Distanz zu seinem Schicksal und seinem Menschentum gewonnen .hätte, tun ruhig und nüchtern zu sagen: so war er, und so habt ihr ihn verloren! Denn verloren habt ihr ihn, wenn er zuletzt auch nicht mehr unserer Gemeinschaft angehörte. Ich empfand vielmehr nur das Bedürfnis, ihm in diesen Blättern ein bescheidenes Denkmal zu errichten; den Namen jenes Menschen, dem ein seltener seelischer Adel angeboren war, noch einmal denen zuzurufen, die ihn erkannt haben, wenn er bisweilen auch dunkle Pfade 'ging, auf die ihm nicht jeder zu folgen vermochte. Aber sein Weg führte ihn dem Lichte zu, und James Sokolowski starb den Soldatentod auf dem Schiachtfeld zu einer Zeit, da die Saat jahrelangen Mühens ihm entgegen reifte. * \ Es war ein echtes Kind des Europas unserer Tage; groß geworden an den Gedanken und der Sehnsucht dieses Europa, begabt mit dem erlesensten Geschmack und einer edlen Lebenskunst, sehnte er sich gleichzeitig nach dem Erdgeruch der heimatlichen Scholle, suchte Menschen von starker jüdischer Selbstverständlichkeit auf und drängte zur Tat. "Frühzeitig schon hatte er sich zum Nationaljudentum bekannt: sein Reinlichkeitsgefühl hatte ihn dem Zionismus zugeführt. Er gehörte ganz seinem