Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- 16. Kriegsheft (Juni 1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537721-3537724--3995-3541736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
534 Der Jüdische Student 1 Alfred Katzenstein Es ist an mir, Alfred Katzenstein einen Nachruf zu schreiben: Alfred Katzenstein war der beste und nächste Freund meines seligen Bruders Friedrich. Sein Aeußeres ist leicht beschrieben: Kätzchen war ein kleiner junger Mann, blond, mit kurzgeschorenem kugelrunden Kopfe. Er liebte Burgunderwein und Lügengeschichten, sprach die hannoversche Mundart und sah in Uniform beinahe hübsch aus. Sage ich nun, daß er ein stiller, guter, kluger und vor allem feiner Mensch war, so habe ich das Wesentliche über ihn erzählt. Wie er Zionist geworden ist, weiß ich nicht. Doch hat er mir selbst erzählt, daß sein Vater ein überaus frommer Mann ist, der in der Ueberlieferung des Judentums feststeht und sogar eine Reise nach Erez Jisroel unternommen hat; denn wer die Bräuche und Sitten unseres heiligen Glaubens und Volkstums alle Zeit vor sich gesehen hat, sie kennt und darin lebt, ist Zionist, ob er es wisse oder nicht. Die Freundschaft zwischen Kätzchen und meinem seligen Bruder ist so alt wie ihre Bekanntschaft: sie waren Freunde, sobald sie sich sahen, sie sind Freunde geblieben bis zum letzten Atemzug. Worauf diese Freundschaft beruhte, weiß ich nicht; die große Uebereinstimmung des Wesens und der Auffassung des Lebens ist jedoch augenfällig. Es hat Kätzchen nicht an äußeren Ehren gefehlt. Obgleich er nicht ehrgeizig war und als Leutnant am liebsten Civil trug. „Wer der Ehre davonläuft, dem läuft die Ehre nach, und wer der Ehre nachläuft, dem 'läuft die Ehre davon", wie unsere Väter gesagt haben. Ich bin mit Kätzchen und meinem seligen Bruder, wie mir heute scheint, nur wenige Male zusammen gewesen; die Erinnerung daran hüte ich mit Eifersucht. Es ist so bestimmt gewesen, daß Kätzchen und mein seliger Bruder um derselben Sache willen und am selben Orte gestorben sind. Mögen andere von treuer Pflichterfüllung, sprechen, mögen andere sagen: „der Weiber ist es, zu weinen der Männer ist es, zu gedenken"; ich sage: sie sind gestorben für nichts und wider nichts. Und vergässe ich das je, so verdorre meine Rechte! * John Loewenthal