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Der jüdische Student · 1917-01-01 · Sommer-Semester (1917) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
13 (1916-1917)
Issue
Sommer-Semester (1917)
Date
1917-01-01
Page
[Seite] (sequence 43)
Language
German
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Der Jüdische Student 41 Lösung des Problems so nahe käme. Wie Reymont das lebende und tote Inventar der Großstadt mit kraftvollem Griff auf die Beine stellt, wie er das Miteinander- und Durcheinandertreiben von Maschinen und Menschen, von Berufen, Klassen und Nationalitäten in einer Fülle von Situationen und Gestalten lebendig werden läßt, beweist ein Maß von Kunst, das den Roman über das Niveau einer Tendenzschrift sehr deutlich hinaushebt. In allem aber schadet die tendenziöse Uebertreibung und Fälschung. Reymont ist Künstler genug, um nicht bloß zu wissen, sondern gestalten zu können, daß auch des Juden Leben tragisch ist. Aber wie in verbissenem Trotz läßt er es bei Andeutungen bewenden. Was Reymont in der Zeichnung jüdischer Menschen sündigt, ist nicht — wie etwa bei den Gestalten der Deutschen — die Sünde der Karrikatur% denn die Karrikatur ist die Verzerrung eines an sich richtig gesehenen Bildes. Sondern es scheint, alfe ob überhaupt Reymonts Verständnis für die jüdische Seele nur bis zu einem gewissen Grade reiche. Schon in den „Polnischem Bauern4* fällt es auf, daß über das seelische Verhältnis der Bauern zu einem jüdischen Schankwirt in wenigen Szenen so viel Licht verbreitet wird, daß sich jedes weitere Nachlesen über einen derartigen Gegenstand erübrigt, — daß aber umgekehrt das Innenleben Jankels ein unerschöpftes Thema bleibt. So ist auch dieses Buch beweiskräftig für den Eindruck des polnischen Judentums auf seine Umgebung und die Kreise. der polnischen Intellektuellen — und gerade deswegien für uns so bemerkenswert — aber die Dichterschaft Reymonts versagt gegenüber der tieferen Aufgabe, durch seine Schwarzmalerei die Tragik des Judenschicksals hindurchleuchten zu lassen. Viele jüdische Dinge und Menschen sind gut gesehen und gestaltet. Das * „Groß-Familien-Pleiten-Fest" beim alten Grünspan, — wie der Witzling Felix Fischbein sagt —, ist eine der besten Szenen des Buches. Wie sie alle auf den Schwiegersohn Albert Großmann einschreien, der ehemals als Student sich für hohe Ideale begeistert hat und absolut nichts von einem betrügerischen Bankerott wissen will, — während Fischbein, spöttisch in seinem Fauteuil schaukelnd, ab und zu sein: „Still Juden!" in das Geschrei hineinwirft, — darin spürt man den üblen Atem des Lebens. Aber ist es wahr, daß nach Lodzer Geschäftsbrauch schließlich die Versicherungsgesellschaft — mindestens unter der passiven Mitschuld Großmamis — um die Brandv er Sicherungssumme betrogen wird? Ist es wahr, daß Mela Grünspan, die dieser Szene, entsetzt über das Krämertum ihrer Schwester Regina, beigewohnt hat, schließlich — nachdem sie ihrer Liebe zu einem polnischen Idealisten (ihre ewige Fremdheit unter den Anderen voraussehend) entsagt hat — keinen anderen Gatten findet, als den Erzgauner Moritz Welt?! Moritz Welt, den Rosa Mendelsohn einen „Judenbengel" nennt, und der vor kurzem ironisch gesagt hat, sie hätte Albert Großmann heiraten sollen, sie wären beide so anständig, daß man sie im Panoptikum ausstellen könnte! Und der gewiß anders, aber nicht besser ist, als der blasierte Spötter Bernhard Endelmann, den wiederum Mela — so sprechen die reichen Töchter Israels eben wiederholt von ihren zukünftigen Gatten — einen „Judenbengel" tituliert. In allen diesen Dingen steckt immerhin ein Körnchen Wahrheit und ein volles Maß in den Szenen von der Dekadence und Ffaltlosigkeit der reichen jüdischen Jugend. Aber es ist nicht mehr als antisemitische Gemeinheit, wenn Reymont den reichen Schaja Mendelsohn nach dem Gebet — wie schön ist die Schilderung des Gebetes selbst! — zu einem der Synagogensänger sagen läßt: „Und dir, Abraham, zahle ich heute nur 75 Kopeken. Du hattest keine rechte Lust heute, du simuliertest das Singen. Wolltest du mich

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