Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student U Ihr, Bundesbrüder, die ihr während des Krieges nicht im Osten wäret, euch ist das herrlichste Erlebnis versagt geblieben, das kein Kartelltag, ja kein Zionistenkongreß geben kann, so imposant er auch in der Dokumentierung des Jüdischein sein mag. MUten in einer fremden Welt als Zugehörige erkannt und nur darum, weil man Jude ist, mit Liebe und Fürsorge bedacht zu werden, nur deshalb persönliche Anteilnahme zu erfahren, weil man von einer jüdischen Mutter geboren ist, das. ist wohl in Westeuropa noch niemandem von uns begegnet. Nicht nur, wjeil es in uns das Wahrheitsgefühl unserer nationalen jüdischen Lebensanschauungen auslöste, sondern weil ein jeder an seiner Person unmittelbare jüdische Liebe erfahren hat wie sonst den Antisemitismus, darum hat uns der Aufenthalt in der Baranowitscher Gemeinde mehr gegeben, als es noch 'so starke Aeußerungen des jüdischen Lebens sonst vermögen. Und wenn sie jetzt alle kommen und uns höhnen, die russischen Juden wollten nichts von uns wissen — wir können ihnen antworten, daß wir in schwerer Zeit bei ihnen gewesen sind und das Zeugnis ihrer Liebe in unserm Herzen tragen. Im einzelnen den Verlauf der offiziellen Feierlichkeiten zu schildern, hat wohl kein Interesse. Es verlief alles so programmmäßig oder nicht wie im vorhergehenden Jahre. Wir waren in derselben Synagoge, nur mußten wir diesmal den ersten Pessachabend Maariw unter freiem Himmel beten, weil plötzlich ein durch B. ziehender Truppenteil die Synagoge bezogen hatte; vom nächsten Morgen an aber durften Wir dort unsre Gottesdienste abhalten. Ich will also lieber mehr von unsern jüdischen Eindrücken und den anwesenden B'undesbrüdern erzählen. Wir warfen uns, ich möchte sagen, mit Heißhunger auf die Juden in B., suchten ihre Anteilnahme zu erwidern, sie in ihren Lebensäußerungen zu verstehen und, so kurz auch die Zeit war, von ihnen zu lernen. Ich habe wohl viele Bundesbrüder unter uns gesehen, die nicht die Sprache dieser Juden, weder das Hebräische noch« das Jiddisiche verstanden, aber keinen der ihr Herz nicht verstanden und sich nicht bemüht hätte, ihnen innerlich nahezukommen. In vielen Fällen waren es die jungen Mädchen, die uns hier als Trägerinnen des zionistischen Gedankens entgegentraten. Es ist das wohl kein merkwürdiger Zufall, wenn wir in mehreren Familien derselben Erscheinung begegneten, daß. die jungen Mädchen mit Wärme und Interesse vom Judentum und von zionistischen Problemen sprachen, während die jungen Leute uninteressiert dabei saßen, geschweige denn, daß sie sich ernster mit national jüdischen oder gar zionistischen Problemen befaßt haben. Ich glaube nicht, daß es allein genüge, diesen innerlich leeren Menschen, einen jüdischen Inhalt zu geben; denn sie tragen auch eine gewisse überhebliche Verachtung für das Judentum ihrer Eitern zur Schau und staunen, wie der gebildete deutsche Jude diesem Judentum einen Sinn