Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- Sommer-Semester (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 9 Jene Vertreter der Parität hatten mich u. a. gefragt, wie ich es mit dem Zionismus halte. Darauf hatte ich geantwortet, es gefalle mir in Deutschland noch ganz gut, eine Antwort, die r— wie ich mir nachher selbst sagen mußte — an dem Problem einigermaßen vorbeischoß. Denn der Zionismus war mir damals kein böhmisches Dorf mehr, ich1 stand ihm nicht durchaus' unwissiend und fremd gegenüber, was für süddeutsche, besonders rhleiapfälzischer Verhältnisse — die* bayrische Rheinpfalz stellt beslondersl in dm Städten Landau und Kaiserslautern eine Hochburg des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dar r—* immerhin etwas ist. Ich will die Entwicklung meines jüdischen Bewußtsieins kurz schildern. Die Erziehung in meinem Vaterhaus war in durchaus assimilantischen Geiste auf einen nach dem Humanitätsideal orientierten Kosmopolitismus, gerichtet. Als Gegengewicht wirkte gleich in meinen ersten Schuljahren der jüdische Religionsunterricht, dem der junge Jude in Bayern auf 'der konfessionell organisierten Volksschule nicht entrinnen kann. Der weckte in mir recht frühzeitig das Interesse für jüdische Geschichte, dag Im Gegensatz zu meinen hebräischen Sprachstudien auch auf dem Gymnasium nicht erlosch. Diese Beschäftigung mit jüdischer Geschichte sowie der in Süddeutschland mehr latent auftretende Antisemitismus, der jedoch von feinfühligen Gemütern nicht minder drückend empfunden Wird, waren die Gründe, warum1 mir mein Judesein zum Problem wurde, das ich zunächst genieigt wiar im Sinne Heines zu lösen. Nicht als ob ich mit dem Gedann ken umging, mir das: Entreebillet zur europäischen Kultur zu lösen — ihn wies ich als traurige Gesinnungslosigkeit weit von mir sondern in dem Sinn, daß ich das! Judentum nicht als ein Problem1, vielmehr als ein Unglück auffaßte. Eine Broschüre des K. J. V.^ers Liditbeim, die mir in Oberprima durch einen Freund in die Hände kam, legte mir zum ersten Mal nahe, es als Nation aufzlufasislen. Diese Auffassung schien mir in gewisser Hinsicht neu und originell, Ich diskutierte hierüber und im Anschluß hieran über den ganzen Inhalt des Zionismus, mit desisen Ideenkreisi wir uns noch durch eine zweite Broschüre 5etwas näher vertraut gemacht hatten, tnil eben jenem Freund und wir kamen, zu dem Ergebnis, daß der Zionismus als eine Bewegung, deren Ziele mit einer Frist von vielleicht zwei- bis dreihundert Jahren für ihre Verwirklichung zu rechnen hätten, als eine Utopie zu bezeichnen und deswegen für uns; die wir eine Erlösung aus der bedrückenden . Gegenwart ersehnten, Wertlos sei. Diesen Standpunkt nahm ich auch ein in jenem! Augenblick, als die Unterhaltungen mit dem genannten Zimmernachbarn und V. J. St.-er einsetzten. Soweit war ich vorbereitet, daß sie keinen unfruchtbaren Boden fanden. Daß das Judentum nationalen Charakters sei, verdichtete sich mir bald zur Gewißheit und einer