Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 13 (1916-1917)
- Issue
- 9. Kriegsheft 9 (20.6.1916)
- Date
- 1916-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537613-3537615--3607-3541341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ixpm Der Jüdische Student hold Cohn und Preuß es endlich einmal ausgesprochen haben, daß unser Leben hier unhaltbar ist, daß sie den Mut (nicht die Unreife, wie einige Berliner Alte. Herren sagen) hatten, die Unehrlichkeit unseres Lebens hier zu betonen. Mir ist es unverständlich, wie man sich über dieses Wort aufregen kann. Ich hatte geglaubt,daß diese Erkenntnis Allgemeingut der deutschen Zionisten, besonders aber der K.J. V.-er geworden wäre seit den Tendenzkämpfen im B. J. C. und seit der Annahme der Posener Resolution. Wobei es doch komisch ist, anzunehmen, daß man irgend jemand den Vorwurf subjektiver Unehrlichkeit hätte machen wollen. Wir wollen aus diesem Zustand heraus und das können wir nur, wenn wir uns ehrlich abmühen, so früh als möglich nach Palästina zu kommen. Denn wir sehen, wohin das Hinausschieben führt, an dem Beispiel der älteren Generationen, an deren Ehrlichkeit und gutem Willen nicht gezweifelt werden kann. Darum wollen wir Ernst damit machen, unsere persönliche Judenfrage lösen, weil wir glauben, daß der Zionismus nur so das jüdische Volk erlösen kann. Diese Lösung der persönlichen Judenfrage durch Uebersiedelung nach Palästina ist nicht so aufzufassen, daß wir sie aus egoistischen Gründen wünschen. Ich argumentiere nicht so: mein Leben hier ist unehrlich. Ich fühle mich in dieser Freiheit des Golus unwohl. Darum gehe ich nach Palästina, weil ich dort nicht mehr unter diesem Zwiespalt leide, folglich glücklich werde. Sondern ich argumentiere etwa so: Ich erkenne, daß ich hier im Golus nicht Jude werden kann. Dazu sind die Eindrücke des mich umgebenden Lebens, der Einfluß der mich ständig umgebenden Verhältnisse zu groß. Das hat auch am stärksten dieser Krieg bewiesen. Aus diesem Zwiespalt, aus dieser Unehrlichkeit (jetzt werden die Alten Herren, die so schnell beleidigt waren über dies Wort, vielleicht ahnen, was gemeint war) muß ich herauskommen, wenn ich einer von dem Rest sein will, der an der Befreiung des jüdischen Volkes Anteil hat. Alle Verinnerlichung meines Zionismus nützt mir nur wenig, weil ich aus der Erfahrung, die uns der Umgang mit den älteren Zionisten täglich lehrt, weiß und fühle, daß ich allmählich den täglichen Einflüssen erliegen muß, selbst wenn mein Wille noch so rein ist. Die Kluft zwischen unserem Leben hier und unserem zionistischen Wollen ist eben sehr schwer überbrückbar. Sie erfordert, daß ich einschneidend mein Leben ändere und mit allen Mitteln versuche, nach Palästina zu kommen. Nicht als ob ich glaube, dadurch glücklicher zu werden. Ich zeigte schon vorhin, daß wir, wenn wir weiter so leben wie bisher, den Einflüssen hier v immer mehr unterliegen werden, und daß wir allmählich dahin kommen, daß aus der „zionistischen Gesellschaft" eine Kehillah, daß der Zionismus für uns die Brille wird, durch die wir die Dinge ansehen, daß er zu einem