Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 2 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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48 überreden oder fortreißen und sich bewußt zum Mittelpunkte setzen konnte und mochte. Selbst in dem kleinen Kreise des Präsidiums hat er zwar geleitet, aber nur selten gelenkt Er legte sich nicht nur absichtlich Zurückhaltung auf, sondern es gebrach ihm auch an Neigung, Kraft und Willen, die Dinge an« zufassen und zu gestalten. Wohl nur in Angelegenheiten, in denen es sich um menschliche oder Ehrenfragen handelte, hat er mit instinktiver Sicherheit schnell und klar geurteilt. Rosenkranz war in diesem Sinne kein Führer, aber er war der natürliche Präside des B.J.C. Wie hätten wir sonst auf dem letzten Kartelltage des alten Bundes alle erklären können, daß wir ohne ihn in das Präsidium nicht eintreten würden?! Warum war jede Sache nur halb so gut, wenn er ihr nicht gewonnen werden konnte; jeder Aufruf farblos, den er nicht zeichnete?! Warum seufzten sie im Präsidium: „Jetzt kommt das Schwierigste, — Rosenkranz zu überzeugen"?! Es war nicht leicht, den Hüter des Bestehenden Aenderungen geneigt zu machen. Aber überzeugt mußte er werden! Rosenkranz war der natürliche Präside des B.J.C, weil er sein bester Repräsentant war. Nicht so sehr vor der Außenwelt, — denn es beeinträchtigte seine Wirkung, daß er ein schlechter Redner war —, als vor dem Gewissen der Bundesbrüder. Als er auf dem großen Festkommers des zehnten Kartelltages sprach, da liebten ihn seine Bundesbrüder, nicht bloß, weil sie sein stolzer Anblick freute, sondern weil sie fühlten, daß ein makelloser jüdischer Mann die Stunde des V.J.St. weihte. Und die Stimmung jedes Kartelltages sank, wenn er fort war. Rosenkranz verkörperte die besten Mannestugenden, zu denen wir zu gelangen suchen. Und gerade diejenigen bestimmten das Bild seines Charakters, die am seltensten reifen. Er besaß jenen sicheren, seiner Kraft bewußten, persönlichen Mut, der so oft mit Stolz und männlicher Bescheidenheit gepaart ist. Er war einfach, natürlich, offen, arglos, ehrliebend. Er war gütig und hilfreich, ein brüderlich gesinnter, gestimmter Mensch. Er hatte mit dem .Leben zu kämpfen, doch sein Sinn blieb auf das Ideale gerichtet Aber seine schönen, menschlichen Eigenschaften, von »denen die Freunde in diesen Blättern reden werden,