Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1914)
- Date
- 1914-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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340 Der Jüdische Student Der Stoff der Aufsätze gibt Achad Haapis allgemeine jüdische Anschauungen wieder und behandelt besonders seine Stellung zur Lösung der Judenfrage. Seine Grundanschauung ist die uns vertraute nationale Auffassung des Judentums. Einige charakteristische Züge seien hervorgehoben. Wenn er 4'te jüdische Eigenart betont, so verbindet er damit häufig einen Hinweis auf die kulturelle Schwäche, in die das Volk verfallen sei Hierauf beruht der wesentlichste Grund für seine — später zu besprechende — Stellung zur Lösung der Judenfrage* Er verlangt .vor allem, um überhaupt einen Anfang machen * zu können, eine Stärkung des Volkscharakters, um das Volk aus dem gegebenen Zustande geistiger Unfruchtbarkeit herauszubringen. Der Grund dieser Forderung, die Erkenntnis der in dem heutigen Zustande enthaltenen Mängel des Volkstums, kommt auch in vielen zutreffenden Einzelbemerkungen zum deutlichen Ausdruck. Achad Haam hat umsomehr ein Recht, auf diese Schwächen hinzuweisen, als er sie auf die anormale Lage des Volkes zurückführt und von der im Grunde guten Beschaffenheit des jüdischen Volkstums uncf seiner hohen kulturellen Leistungsfähigkeit überzeugt ist.1) Die Schwächen des Volkes zeigen sich für Achad Haam im wesentlichen in den Mächten, die das Judentum des 19. Jahrhunderts charakterisieren. Er zählt hierzu die Orthodcfxie, die er in dem Aufsatz „Eine Seelenanalyse" als eine der Krankheiten des Volkskörpers bezeichnet. Er kritisiert die ausschließliche, neuen Gedanken unzugängliche Beschäftigung mit dem Religionsgesetz als die Urheberin der geistigen Verödung und der Abtötung aller Möglichkeiten lebendigen Schaffens. Er fordert demgegenüber, daß die Juden aus dem Volk der Schrift wieder ein Volk des Schrifttums werden. Ebenso lehnt er aber auch die neuzeitliche Reform entschieden ab. Er weist auf die Traditionslosigkeit der Reformbewegung hin und macht auf ihr mangelndes Verständnis gegenüber, der Bedeutung der religiösen Formen aufmerksam, (s. „Heiliges und Profanes44). Häufig bespricht er die Unzuiäng- *) Das verleitet ihn freilich nicht dazu, dem jüdischen Volke ganz bestimmte Eigenarten zuschreiben zu wollen, wie dies neuerdings (Buber, Welisch) behebt geworden ist Er bezeichnet solche Versuche zutreffend als Hypothesen, die an einem Haare hängen (S. 50). Der Grundfehler dieser Richtung scheint mir zu seiu, daß sie bestimmte, schon hier vorhandene Volkseigentümlichketten festzustellen sucht, deren Erhaltung sie nicht nur als Mittel, sondern als selbständiges Ziel fordert Die Unrichtigkeit dieser Anschauung — deren Gefährlichkeit darin liegt, daß sie geeignet ist, von dem Streben nach der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstatte in Palästina als der einzigen Losung für die kulturelle Judenfrage abzulenken — muß sich um so mehr herausstellen, als auch im Zionismus der zweifellos vorhandene und bei anderen nationalen Bewegungen selbstverständliche Zusammenhang zwischen Volkstum und Land erkannt wird* wie dies mit der wachsenden Bedeutung von Palästina geschieht J >