Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6 (30.9.1913)
- Date
- 1913-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 215 höheren Wert moralischer oder ästhetischer Urteile vorlegte, entschied er mit Selbstverständlichkeit für die moralischen: „Herrschaft des Ethischen vor dem AesthetischenNoch war seine Formel für Moral nicht fest formuliert. Er sagte, das ist Moral, was die Besten für anständig halten, und fühlte doch, daß er den Begriff Moral damit nicht erschöpfe, „banalisiere". Er war ja mitten in der Arbeit. Das System, das in ihm schon fast fertig war, hat er uns noch nicht offenbart. Alle seine moralischen Werturteile flössen aus seinem Verantwortlichkeitsgefühl, seinem Ernst und seiner Kraft. Und darum war diesem moralischen Menschen nichts so fremd, wie Duckmäusertum. Unnötig zu sagen, daß er Beziehungen zwischen sinnlicher Liebe und Moral nicht kannte. Aber er liebte auch die Jagd und den Tod der Tiere; denn aus seinen gesund-starken Instinkten heraus handelnd, kannte er hier keine kleinherzige Verantwortung. Er, der das Leben so liebte, war ja auch bereit, sein eigenes Leben stündlich einzusetzten. Und damit war auch seine Stellung zum Zweikampf entschieden. Nicht, daß er unbedingte Satisfaktion gab; das war selbstverständlich. Aber ihm war die Satisfaktion keine aufgezwungene Form — über ihm lästig und dumm erscheinende Konventionen ging er hinweg. Es galt ihm als ritterlich, die Beleidigung selbst zu sühnen. Aber verächtlich wäre es gewesen, den anderen mit der Waffe zu strafen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen. „Hier nimm die Waffe, hier ficht." — Ich weiß nicht, ob er diese Theorie des Duells selber gefunden hat. Jedenfalls ist sie charakteristisch für seine Art, die instinktiv dem Empfinden des Adels aller Nationen nahe kam. Wie liebte er auch den ritterlichen Sport, neben Jagd das Fechten und Reiten. Es schmerzte ihn, daß ihm jagen und Reiten in Berlin versagt waren. Und der schwere Säbel, mit dem wir fechten, war ihm zu klobig und unelegant. Andere Sportsarten, die mit mehr Schweiß und Anstrengung verbunden sind, waren ihm gegen den Geschmack. Er erkannte an, daß dies ein Mangel sei. -Aber er bejahte auch seine Mängel. Und wenn er an sich arbeitete, so doch nicht an Punkten, die seiner Natur zuwider liefen. Sein Ziel war nicht, es allen-anderen gleich zu tun und sie zu übertreffen. So hätte er seine