Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1913)
- Date
- 1913-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Der Jüdische Student LITERATUR Denkwürdigkeiten der Glücke! von Hameln. Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt, mit Erläuterungen versehen und herausgegeben von Dr. Alfred Feilchenfeld. Jüdischer Verlag, Berlin 1913. Lest dieses jüdische Buch I Ihr werdet es dann — das weiß ich — euren Müttern und Schwestern, Freunden und Freundinnen schenken. Alle werden euch dankbar sein, euch und dem Jüdischen Verlag, dem fleißigen Herausgeber und der lieben Glückel. Wo heute jeder Jude täglich Bücher und Abhandlungen zu sich nehmen muß, die auf alle mögliche Weise alle möglichen Judenfragen lösen, tut solch ein frischer Quelltrunk besonders gut. Literatur machen wollte die prächtige einfache Frau nicht, als sie in Hamburg nach dem Tode ihres ersten Mannes Chajim Hameln im Jahr 1690 — 43 Jahre war sie alt — in schlaflosen Nächten begann, für ihre zahlreichen Kinder die Geschehnisse aufzuzeichnen, die sie mit ihren scharfen Augen wahrgenommen hatte. Als 73 jährige Greisin vollendete sie in Metz das letzte der sieben Bücher. Eine Familiengeschichte hinterließ sie ihren Kindern, „damit ihr Bescheid wißt, von was für Leuten ihr herstammt, wenn heute oder morgen eure lieben Kinder oder Enkel kommen und ihre Familie nicht kennen". Aber diese rastlose resolute Judenfrau mit klarem Blick und sicherem Urteil, die ihr ganzes Leben lang treulich für die Ihrigen sorgte und schaffte, nahm auch lebhaften Anteil an allem, was draußen in der Welt vorging. Wir erfahren viel von Kindbetten und Verlobungen, Hochzeitsfeiern und Todesfällen, Glück und Enttäuschungen. Die Stimmung eines echtjüdischen Hauses umwebt uns. Mit großer Ausführlichkeit erzählt Glückel davon, wie sie ihre Kinder verlobt. Eine jüdische Mutter mußte wohl in jenen für die deutschen Juden unsicheren Zeiten besonders eifrig bemüht sein, die unverheirateten Kinder sorglich unter Dach und Fach zu bringen. Glückel entwickelte in diesen Angelegenheiten eine große Selbständigkeit. Ihrem ahnungslosen Sohn Samuel, der in Frankfurt zur Messe war, schrieb sie, daß er mit der Tochter von Moses Bamberg verlobt sei. Ihrem geliebten Mann stand sie bei seinen geschäftlichen Maßnahmen treu mit Rat und Tat zur Seite. Sie setzt sich nachts hin und entwirft den Gesellschaftsvertrag, den ihr Mann mit Juda Berlin eingeht. Sie diskontiert Wechsel an der Börse, macht Inventuren und Bilanzen, unternimmt zahlreiche Geschäftsreisen und gerät mit betrunkenen Posthaltern und jüdischen Saufbolden aneinander. Höchst anschaulich schildert die warmherzige, aufrechte Jüdin das Leben in den jüdischen Gemeinden, besonders in Hamburg, Altona und Metz: Freud und Leid der Juden, Kehillahstreit und Bedrängnisse von außen, tapferes Zusammenhalten in Not und Tod. Von gewaltiger Begeisterung wird Glückel ergriffen, als die Kunde von den Wundern des neuen Messias Sabbatai Zewi nach Hamburg dringt. Nach dem Tode ihres ersten Mannes nimmt sie sich vor, nach Erez Israel zu ziehen, sobald ihre Kinder versorgt sind. Es kam nicht dazu. Ihre in Metz verheiratete Tochter Esther rät ihr schriftlich, eine neue Ehe mit dem verwitweten Metzer Bankier Cerf Levy einzugehen, einem klugen Mann mit feinen Allüren und noblen Passionen, dem aber zahlreiche Gläubiger auf dem Nacken sitzen. Glückel, der man den Witwer im besten Lichte geschildert hatte, „resolviert sich zu dieser Partie", um nicht etwa im Alter ihren Kindern zur Last zu fallen. Bald nach der Hochzeit jedoch gerät ihr Mann in Konkurs und läßt bei seinem Tode die alte Frau, die stets an Wohlstand und Behaglichkeit gewöhnt war, in Elend und Sorgen zurück. Aber Glückel verliert den Mut zum Leben nicht. Erst im Alter von 78 Jahren beschließt sie ihr tätiges Dasein. Harry Epstein.