Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1913-08-20 · Heft 5 (20.8.1913) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
10 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (20.8.1913)
Date
1913-08-20
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3537599-3537704-3537709--2947-3541051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

152 Der Jüdische Student Und ob man manch' schönes Semester schon gemeinsam verlebt hatte, oder ob man hier zum ersten Male sich sah, — das Gefühl der Bundesbrüderlichkeit, erhöht durch die fröhliche Wanderlust,, brachte uns recht bald zusammen, und auch die zehn anderen Herren von der Jüdischen Turnerschaft und vom K. Z. V., die an unserer Fahrt teilnahmen, fühlten sich schnell in die Stimmung ein. Auf der Kneipe, die unsere Kartellkorporation in München uns zu Ehren gab, klangen noch einmal die Lieder der Sehnsucht nach jenem fernen Lande der Väter, das wir Kinder des. Glücks so bald sehen sollten. In der Frühe verließen wir München. Ein fröhliches Leben herrschte bald in den von uns belegten Abteilen, und man erledigte die letzten Fragen der Organisation. Je fünf oder sechs Wanderer, meist engere Freundeskreise, bildeten eine Gruppe,, kürten aus ihrer Mitte einen Gruppenführer und entsandten ihn in die Gruppenführerversammlung, die Siegfried Rosenbaum (V. J. St. Königsberg) sich zum „Großen Führer" erwählte. Er leitete von da ab autokratisch mit großem Geschick in studentischturnerischer Disziplin seine Heerscharen. Der herrlichen Fahrt durch die schneeglänzenden Tauern folgte ein fröhlicher Abend, den wir als Gäste der Triester Zionistischen Ortsgruppe zubrachten. Der folgende Vormittag war der Besichtigung Triests gewidmet. Auf der „Wien" traten wir unsere Reise an. Ueber dem spiegelglatten, tiefblauen Meere wölbte sich die wolkenlose, azurfarbene Kuppel des südländischen Himmels. Wir lebten uns bald auf dem Dampfer ein. Da sämtliche Betten der 3. Klasse von uns besetzt waren, herrschte überall ein riesig gemütliches Leben; jeder konnte nach Herzenslust seinen Neigungen nachgehen. Nur zwei Anlässe riefen uns alle zusammen. Der eine war das Turnen. Um 9 und 4 Uhr „s. t" fanden sich alle in Turnkleidung auf dem Verdeck ein, und es begannen unter Rosenbayms Leitung stramme Freiübungen, denen die Passagiere aller Klassen mit großem Interesse folgten. Der andere Anlaß waren die gemeinsamen Mahlzeiten, zu denen wir uns mit ebenso großer Pünklichkeit einfanden; denn die Körperbewegung und die frische Seeluft hatten unsern Appetit furchtbar gesteigert. Ich wage zu behaupten, daß mit nicht geringerer Begeisterung gegessen als geturnt wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.