Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (30.7.1913)
- Date
- 1913-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
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121 Judentums willen Rußland hätten verlassen, müssen. Ich setzte dann auseinander, daß die russisch-jüdischen Studenten, die nach Deutschland kämen, keineswegs etwa revolutionäre Elemente seien, die aus politischen Gründen Rußland hätten verlassen müssen, sondern daß ihnen lediglich wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum das Studium in Rußland versagt sei Ich schilderte in einigen Sätzen die Lage der Juden in Rußland, erklärte die Bedeutung des Ansiedlungsrayons --- die ihm ganz fremd war —, wies darauf hin, daß das Studium für die jüdische Jugend Rußlands der einzige Weg zum sozialen und kulturellen Aufstieg sei, und legte dar, wie durch die abgestufte Prozentnorm dieser Weg dem größeren Teile der jüdischen Jugend verschlossen sei, so daß diese sich genötigt sehe, fremde Universitäten aufzusuchen. Die Menschlichkeit erfordere es, daß man diesen aus ihrem Vaterlande vertriebenen Leuten nicht die Tore Deutschlands verschließe. Der Geheimrat versicherte mir hierauf, daß er durchaus kein Antisemit, der Antisemitismus ihm vielmehr unsympathisch sei; aber er fügte hinzu: „Sie können nicht verlangen, daß wir Maßnahmen, die uns notwendig erscheinen, nur deshalb unterlassen, weil die Mehrzahl der Betroffenen Juden sind." Er holte dann von seinem Schreibtisch eine Tabelle und zeigte mir an Hand dieser, wie groß die Anzahl der an den einzelnen preußischen Universitäten studierenden Ausländer sei; er fügte hinzu, fast 50 Prozent aller dieser Aus: länder seien Russen und der bei weitem größte Teil der Ausländer studiere Medizin. Als ich darauf fragte, ob etwa im Kultusministerium schon irgend welche Beschlüsse gefaßt seien, erwiderte er mir, die Angelegenheit befinde sich noch „im Stadium der Erwägungen1'. Nunmehr wies ich darauf hin, daß es auch vom Standpunkte des Deutschen Reichs aus vorteilhaft wäre, die Russen hier zu dulden, da sie später, wenn sie als Aerzte in Rußland tätig seien, ihre wohlhabenden Patienten zu den deutschen Autoritäten und in die deutschen Bäder zusenden pflegten: Dieser Gesichtspunkt schien dem Gehemrat, wie ich an seinem Kopfnicken wahrnahm, durchaus beachtenswert. Schließlich unterbreitete ich ihm einen Vorschlag, der von Herrn Dr. W ei s s e n b e r g - Berlin ausgeht: für den Fall, daß Beschränkungen in der Zulassung der Ausländer durchaus nicht zu vermeiden seien, sollten für die Ausländer von den an fast allen Universitäten zahlreich vorhandenen Privatdozenten oder Assistenten Parallel- und Ferienkurse abgehalten werden, deren Absolvierung dem Besuch der Hauptkurse gleichzustellen sei. Auf eine Zwischenfrage, ob diese Parallel- und Ferienkurse für die nicht immatrikulierten Ausländer gedacht seien, erwiderte ich, daß bei Einführung dieser Kurse sich vielleicht eine Beschränkung in der Immatrikulation erübrigen werde; es werde dann — auch vom Standpunkte der in-