Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 11 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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40S Der Jüdische Student Der B.J. C. im Wintersemester 191213 Bericht des Präsidiums Die große Zahl der Aktivmeldungen im vergangenen Jahre (112 im Sommersemester, 50 im Wintersemester), ein Zeichen für das Vordringen des modernen jüdischen Gedankens, stellte unsere Korporationen vor eine schwere erzieherische Aufgabe. Es ist nicht leicht, die Füxe, die zum Teil von Hause aus kaum eine blasse Kenntnis der sozialen und kulturellen Lage des jüdischen Volkes und als einziges jüdisches Ideal im besten Falle das Gleichberechtigungsideal der älteren jüdischen Generation mitbringen, mit dem wahren Wesen der judenfrage vertraut zu machen: sie in die moderne jüdische Literatur einzuführen, deren Vertreter — Namen wie Moses Hess, Pinsker, Ach ad Ha am, Mathias Ach er, Ruppin, Herzl„ Nordau, Zollschan, Perez, Pinski, Bialik und viele andere — in ihrem Elternhaus oft ganz unbekannt sind, und auch ihnen wahrscheinlich ohne die Einwirkungen unserer korporativen Erziehungsmethoden ihr Leben lang unbekannt geblieben wären. Jeder neue B. J. C.-er macht im V.J. St. eine gedankliche Schulung durch: er soll aus sich selbst heraus verstehen,, daß das Judentum noch andere Inhalte und Ziele hat, als religiös-dogmatische, und erkennen, das modernstes Menschentum zugleich Inhalt und Ziel seines Judentums sein kann. Diese Schule stellt große Anforderungen an die Arbeitsfreudigkeit der älteren Bundesbrüder, die sich immer wieder in Fuxenstunden* Kursen,Vorträgen und Diskussionen mitihren jüngsten Bundesbrüdern auseinandersetzen müssen. Und wenn nicht die Füxe — nachdem sie einmal einen Blick in die fremde Welt getan haben — selbständig mit Begeisterung und persön- -lichstem Interesse an der Gewinnung einer eigenen, begründeten jüdischen Anschauung arbeiten würden, so wäre die Aufgabe kaum zu lösen. Bei vielen hält es auch anfangs schwer, ihnen zu beweisen, daß die Teilnahme am Fechten, Turnen, Rudern und anderen Sport nicht bloß eine Pflicht gegen sich selbst, sondern eine Pflicht gegen die jüdische Gesamtheit ist, deren Ehre wir zu jeder Zeit gegen antisemitische Angriffe verteidigen müssen, und an deren körperlicher Regeneration mitzuarbeiten eine der Hauptaufgaben des B.J. C. ist. Wie unsere Korporationen ihre Aufgabe zu lösen versuchten, zeigen ihre Semesterberichte. Ein Ausdruck der freudigen und begeisterten Stimmung, die unsere Jungen beherrscht, zugleich ein Beweis dafür, daß es ihnen ernst damit ist, das jüdische Leben, die jüdische Vergangenheit und Gegenwart wirklich zu begreifen, ist die Palästinafahrt des Bundes Jüdischer Corporationen. Dreißig V. J.St.-er, meist Aktive, haben sich im Wintersemester zusammengeschlossen, um eine Wanderung durch Palästina zu machen. Sie wollen Palästina — das alte Judenland, das neue jüdische Kolonisationsgebiet — im März und April ein paar Wochen lang zu Fuß (nach dem Vorbild der „Rucksackfahrten4' der österreichischen Studenten) durchstreifen, um die Altertümer Palästinas zu studieren und um die jungen jüdischen Landbesitzungen im Glänze des berühmten palästinensischen Frühlings kennen zu lernen. Die