Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 143 der jüdischen Diaspora schien einer ruhmlosen Lösung entgegenzugehen. Und diese Gefahr besteht noch, in diesem Augenblick: es ist die Schicksalsstunde. Soll das alte Volk der Juden vom Weltbild verschwinden oder soll j[es leben? Die Gegenwart wird die Entscheidung bringen. Wären wir Juden nun, weil wir im Moment keine großen, alle packenden Werte produzierten, wirklich so nackt und bloß wie zu Beginn unserer Geschichte? Doch nicht ganz! Jeder von uns ist fünf oder sechs Jahrtausende alt. Die Zeiten haben uns einen geistigen und seelischen Habitus gegeben, der ewig ist, wenn wir wollen. Jahrtausende voll gemeinsamer Erinnerungen haben eine eigengeartete Disposition zu denken und zu fühlen, auf die Eindrücke der Umwelt zu reagieren erzeugt, die mit den Zeiten immer ausgeprägter wurde* Darüber hinaus positive Werte werden allerdings kaum geschaffen, so daß P a s m a n i k den psychologischen Zustand des gegenwärtigen Judentums treffend „potentiellen Judaismus" nennt Die Fähigkeit ist vorhanden, Eindrücke zu verarbeiten und unter normalen, mindestens günstigeren Umständen wieder schöpferisch zu sein. Dem ungeheuren Triumph des jüdischen Geistes, den die bisherige Herrschaft der Religion über die europäischen Völker bedeutet, könnten andere sich würdig anreihen. Martin B u b e r erkennt die Grundtendenzen des jüdischen Volkscharakters in dem „Streben nach einer immer vollkommeneren Verwirklichung dreier untereinander zusammenhängender Ideen: der Idee der Einheit, der Idee der Tat und der Idee der Zukunft". Der Jude sehe mehr den Zusammenhang der Erscheinungen als diese selbst, er sehe das Meer wahrhafter als die Welle; am Menschen sei ihm die Tat wesentlicher als das Erlebnis, im Mittelpunkte der jüdischen Religiosität stehe nicht der Glaube, sondern die Tat; sein Zeitsinn sei stärker entwickelt als sein Raumsinn, die malenden Epitheta der Bibel sprächen — im Gegensatz z. B. zu den homerischen — nicht von Form und Farbe, sondern von Schall und Bewegung, der Zusammenhang der Generationen sei ihm ein stärkeres Lebensprinzip als der Genuß der Gegenwart Dies ist sicher: noch besteht unsere Eigenart, wenn auch nur in der Form einer typischen Disposition. Damit ist das Beste unserer Persönlichkeit, der Kern unseres Seins bewahrt Aber dies Beste, unser inneres Leben, ist ständig bedroht, und