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Der jüdische Student · 1912-06-24 · Heft 3 (24.6.1912) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
9 (1912-1913)
Issue
Heft 3 (24.6.1912)
Date
1912-06-24
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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88 Der jüdische Student Unsere Burschenarbeiten Von Gotthold Weil (B.A.H.) Nur die Archivare und Chronisten des V. J. St. werden es wissen, die. heutige Aktivitas aber wird es für ein Märchen halten, wenn ich ihr erzähle, daß es bei unseinmal eine Zeit gegeben hat, wo man noch kein Fuxen- und Burschenexamen kannte, und wo man die höchsten Sprossen der V.J. St.-Karriere als ungeprüfter Bursch erklimmen konnte. Ob diese Zeit und das damalige Geschlecht besser war als das heutige, weiß ich nicht, das aber weiß ich, daß es auch damals schon eine V.J. St.- Pädagogik gab, und daß auch wir uns schon über „Erziehungsprobleme" zergrübelten. ' Als ich vor zwölf Jahren aktiv wurde, fanden an jedem Dienstag Abend nach einer stets angesagten, aber nie abgehaltenen Fuxenstimde als Ouvertüre zur Kneipe Vorträge statt. Der Vortrag war nämlich das vorzüglichste Erziehungsmittel des damaligen V. J. St. Die Jüngeren sollten lernen und staunen, was für Weisheiten ihnen die Aelteren da boten, und sollten dann später einmal versuchen, es ihnen gleich zu tun. Der Vortrag war die Voraussetzung für die Burschung. Das war allerdings nur ein Gesetz,, das auf dem Papiere stand, denn es gab Burschen, die nie einen Vortrag gehalten hatten. Aber theoretisch hatte der Vortrag doch die Stellung, die heute — wenn ich diesen oevva^len Vergleich ziehen darf — unser o o o Burschenexamen einnimmt. Und da sich an den Vortrag selber wohl nie eine Diskussion anschloß, so stand die „Vortragsfrage'' als solche fast an jedem Dienstag zur Diskussion. Die einen sagten, historische oder literarische Themata zu behandeln, sei unnütz; die wären ja doch bloß aus dem Graetz oder sonst woher abgeschrieben, und die könne man also dort allein nachlesen. Wert hätte es nur, wenn man „Eigenes*' biete. Was man darunter verstand, wurde nie ganz klar. Das aber stellte sich bald heraus, daß bei den eigenen Themen, da ja die jüdischzionistische Theorie damals noch nicht so ausgebildet war wie heute, meistens großer Unsinn herauskam und daher die anderen triumphierend auf die Nützlichkeit ihrerVorfragsthemen hinwiesen. Diese Streitigkeiten der alten Zeit fielen mir ein, als, ich den Artikel über unsere jetzigen Burschenarbeiten zu schreiben be-

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