Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1912)
- Date
- 1912-03-26
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Der jüdische Student 397 Der erste Weg führt zur Festigung und inneren Ausbildung der Korporation. An und für sich zu begrüßen, ist dieser Weg für uns doch nicht unbedenklich. Wir konsolidieren uns — dieses Schlagwort benerrschte ja die Verhandlungen des XI. K. T. —, heißt nichts anderes, als daß wir den großen weiten B. J. C.-Gedanken einschränken und uns in den engen Rahmen der Korporation hineinstellen, der nur zu geeignet ist, Engherzigkeit und Partikularismus aufkeimen zu lassen. Wir verfallen auf kleinliche, unser unwürdige Korporationsfloskeln und landen schließlich in den Bahnen des K. Z. V. Der andere Weg, den ich gern gegangen sehen möchte, führt zur Vertiefung und Verinnerlichung der Tendenz. Unser Statut verspricht, den B. J. C.-er mit dem geistigen Rüstzeug auszustatten, zu den Fragen innerhalb des Judentums Stellung zu nehmen. Erfüllt nun der einzelne V. J. St. diese seine höchste Pflicht oder ist der Paragraph zur bloßen Farce herabgedrückt? Ich glaube, das letztere ist der Fall. Wenn ich mich unter den Bundesbrüdern meiner Jahrgänge umhöre, so muß ich staunen ob der Naivität, die bei ihnen inbetreff jüdischer Fragen herrscht. Meistens kennen sie H e rz 1 und Nordau, haben auch in den O r a e t z hineingesehen und den Artikel von Pasmanik im Bar - Kochba - Almanach durchgelesen. Wenn's hoch kommt, befinden sich R u p p i n und Z o 11 s c h a n in ihrer jüdischen Büchersammlung. Mit diesem Wissensschatz ausgerüstet, fühlen sich diese Bundesbrüder als die berufenen Retter Israels. Sie reisen also hinaus in die kleinen Städte und Dörfer, um harmlose Stammesgenossen mif ihrem pseudojüdischen Wissen zu überrumpeln und den Aufhorchenden von dem Aufleben einer jungen, starken Generation zu erzählen, die wieder Interesse an jüdischen Fragen gewonnen hätt«. Und eben dieselben Volksbeglücker, die den § 5 unseres Programms in die Wirklichkeit umsetzen wollen, entblöden sich nicht, auf internen Veranstaltungen zu erklären, jüdische Wissenschaft interessiere sie nicht. Diese Tatsachen sind höchst beklagenswert. Sie lassen sich m. E. nur so erklären, daß wir einen zu großen Kult mit dem Nationalismus treiben. Wir treiben auf Kosten jüdischer Gefühlswerte nationalen Formalismus, der auf die Dauer nicht befriedigen kann. Daher erklärt sich auch die Interesselosigkeit mancher Alten Herren, denen die Korporation keine solchen Gefühlswerte mit auf den Weg gab, an denen sie dann in schweren Zeiten hätten zehren können. Hier muß Wandel geschaffen werden! Für mich ist der jüdische Nationalismus nur das Gefäß, das mit jüdischen Werten aller Art angefüllt werdep rnuß. Wir müssen den Satz ,homo sumu dahin variieren, daß wir sagen: „Ich bin ein Jude und deshalb liegt nichts Jüdisches mir fern." Um dies durchzusetzen, muß neben einer grundsätzlichen Aenderung der Füxenstunden eine