Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 7 (10.10.1911)
- Date
- 1911-10-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Der jüdische Student 185 Gegenwart wird beherrscht von der ost- und westeuropäischen Judenheit. Im Zionismus ist der Gegensatz von Ost und West seit langem eine Frage von großer Aktualität. Die Verschiedenartigkeit der beiden Volksgruppen läßt sich in großen Umrissen folgendermaßen kennzeichnen. Die im Kampf um die staatsbürgerliche Gleichstellung begriffene Judenheit des Westens hat eine Phase intensivster Assimilation durchlaufen, deren zersetzender und zerstörender Einfluß unverkennbar ist. Der Westjudenheit sind durch diesen Entnationalisierungsprozeß eine Menge nationaler Werte verkümmert, wenn sie ihr nicht gar verloren gegangen sind. Das Ostjuden - tum hat eine solche Assimilationsperiode nicht durchgemacht. Es ist durch die Barbarei des Ostens in der freien Entfaltung der jüdischen Werte stark gehemmt, leidet unermeßlich unter den Folgen dieser Drangsale, aber die nationalen Werte sind geblieben, wenn auch naturgemäß mit den Schlacken des Golus behaftet. Als Elemente unseres Volkes sind deshalb heute die Westjuden nicht mehr in dem Maße nationalvollwertig wie die Ostjuden. Der Westen hat sich vollkommen die Sprache der Wohnländer als einzige Umgangssprache zu eigen gemacht, während der Osten zum weitaus überwiegenden Teil zwar ein Golusidiom, aber doch immerhin eine jüdische Sprache spricht Hauptsächlich gibt sich die für das jüdische Volkstum so bedeutsame Getrenntentwicklung in der Zionsauffassung kund. Im Westen ist die Zionsliebe, das Volkssehnen nach Erez Israel, bei der Masse stark verblaßt. Der Westjude, der sich zum nationalen Judentnm zurückfindet, könnte sich daher mit der rein territorialen Lösung des jüdischen Volksproblems auch gefühlsmäßig abfinden. Er muß erst die Zionsidee in sich zum Erwachen bringen, um Zionist zu werden. Der Ostjude hat das Band, das ihn mit dem Lande Israel verknüpft, in aller Ursprünglichkeit bewahrt. Für ihn ist der Zionismus der Anfang und das Ende. Charakteristisch wird der durch Ost und West bezeichnete Gegensatz auch durch den Umstand beleuchtet, daß die im Osten wohl über jeden Zweifel erhabene Tatsache der Existenz einer jüdischen Nationalität im Westen eine Streitfrage J o werden konnte. Wir müssen uns fragen, welche Bedeutung die Verschiedenheit des jüdischen Milieus in Ost und West für die zionistische