Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 5-6 (20.9.1911)
- Date
- 1911-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student wir denn offen gestehen, daß die Universität Marburg kein Boden für einen V. J. St. ist. Trotzdem wir mit unserer Keilarbeit in den Osterferien und dann weiter im Semester nicht gegeizt haben, meldeten sich nur drei Füxe bei uns aktiv. Ueber diese geringe Zahl wird man sich nicht wundern, wenn man erfährt, daß Marburg im Gegensatz zu vielen anderen kleineren Universitäten auf junge jüdische Studenten keine Anziehungskraft ausübt. Leider! Denn gerade das Coleurnest Marburg ist in hohem Maße geeignet, besonders den jungen Füxen korporative Erziehung zu vermitteln. Wenn wir uns jedoch auch wohl bewußt sind, wie wichtig für die Durchsetzung unserer Ideen die studentische Ausbildung ist, so müssen wir doch die Betonung des bewußt-jüdischen Elementes in die vorderste Linie rücken. In diesem Punkte wird Marburg niemals etwas bieten können. Denn hierfür fehlt das Milieu; es existiert einmal in Marburg kein jüdisches Leben, von dem man irgendwelche jüdische Anregung empfangen könnte. Was in jüdischer Hinsicht hier getan wird, das leisten fast ausschließlich V. J. Si-er. In dieser Betätigung nach außen hin liegt aber eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die energische und geschlossene Erziehung der Bundesbrüder. Und weiter läßt der andauernde Mangel an Leuten und an neuen Kräften kein kräftiges Vereinsleben aufkommen. Aus diesen Gründen sahen wir uns nach reiflicher Ueberlegung veranlaßt, unseren V. J. St. auf Vorschlag des Präsidiums des B. J. C. nach einem Platze mit günstigeren Arbeitsmöglichkeiten zu verlegen, nämlich nach Heidelberg. Der neue V. J. St. Heidelberg soll dann eine Fortsetzung des alten Marburger Vereins sein, da der Stamm an alten Herren und Inaktiven, sowie Wappen und Zirkel übernommen werden. So hoffen wir, daß der V. J. St. Marburg in signo Ruperto-Carolae zu neuem, schönerem Leben gedeihe, Das S.-S. 1911 im besonderen wich nicht von den früheren Semestern ab. Wenn trotz der Ungunst der äußeren Verhältnisse das innere Leben der Corporation rege genannt werden kann, so lag das vor allen Dingen an der eifrigen Tätigkeit der Aktiven und — lobend sei es hier erwähnt — auch der Inaktiven. Mit unseren Füxen, mit ihrer Arbeitsfreude und ihrer Ausbildung dürfen wir zufrieden sein. Nicht wenig trug der Fuxenunterricht, der in bewährten Händen lag, dazu bei. Auf diese Weise ermöglichten wir unseren Neulingen ein Verständnis für Zeitfragen in der Judenheit und vermittelten ihnen die Kenntnis der jüdischen Geschichte. Des weiteren veranstalteten wir oft Zeitungsreferate, die uns über die wichtigsten Ereignisse auf dem Laufenden hielten. Schließlich trugen Vorträge, wie z. B. über „die nationale Erziehung der Jugend" und ein Referat über „studentisch-korporative Erziehung"