Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 3 (20.6.1911)
- Date
- 1911-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 95 MITTEILUNGEN. Berlin. Der vergangene Monat hat uns manches gebracht und vieles genommen. Genommen hat er uns unseren lieben A. H. Walter Perlitz, einen unserer Besten. Die meisten von uns Jüngeren kannten ihn zwar nicht, aber seine Freunde haben uns so viel Schönes und Gutes von ihm erzählt, daß wir doch einen Begriff davon bekommen haben, was uns an ihm verloren gegangen ist. Namentlich waren die schönen Worte Zlocistis auf unserem Trauerconvent dazu angetan, uns ein Bild von ihm zu geben Jedenfalls haben wir nicht nur aus Pflichtbewußtsein, sondern aus Liebe bei der Beerdigung in Nakel chargiert. Ebenso wird es aus dem Herzen kommen, wenn wir die Ehrungen unterstützen, die das Präsidium eingeleitet hat, und die in der Eintragung ins Goldne Buch, in der Oelbaumspende und vielleicht auch darin bestehen, daß w i r den Stein auf das Grab setzen lassen. Dem Verlust hält unser Zuwachs kaum das Gleichgewicht. Wir haben einen weiteren Fuxen und einen O. V. G.: stud. jur. Hans Aron aus Berlin, Herr Hans Kretschmer aus Lissa O. V. G. Allein solche Gedanken wie der, daß wir trotz unserer Jugend in jedem der letzten drei Semester einen V. J. Ster haben scheiden sehen, dürfen nicht die Herrschaft über uns gewinnen, weil sie unsere Schaffenskraft hemmen. Wir müssen uns gerade sagen, daß wir nun, da ein Mann vom Kampfplatz abberufen wurde, um so heftiger zu ringen haben. Allerdings ist im Sommer die Anregung zu jüdischer Arbeit vom Berliner jüdischen Leben her mit dem Winter verglichen gieich null. Die alten Gegner, Zionisten und Liberale, Konservative und Radikale haben Waffenstillstand geschlossen, und keine stürmische Versammlung tagt im Tiergartenhof. Die Alliancewahlen haben zwar jüngst stattgefunden, aber nur wenig Erregung der Gemüter hervorgerufen und uns nur insoweit berührt, als wir wieder wie bei der Gemeindewahl einige Besuche zu machen hatten. Wir müssen also mit dem wenigen Leben vorlieb nehmen, das da draußen pulsiert, und uns im übrigen eigene Nahrung vorsetzen. Wir besuchten einen Vortragsabend der Organisation für hebräische Sprache und Kultur, in dem Dr. Mossinsohn, Schemarja Lewin und Leo Motzkin über Palästina und die hebräische Sprache in fesselnder Weise referierten. Wenige Tage darauf hatten wir die Freude, Dr. Mossinsohn in unserem Kreise über dasselbe Thema sprechen zu hören. Außerdem war ein Vortrag Zlocistis im Charlottenburger Verein über „Technik und Persönlichkeit'4 für unsere Aktiven offiziös.