Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 3 (20.6.1911)
- Date
- 1911-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Der jüdische Student — für die im Gegensatz zur studentischen der unmittelbare Übergang von der Schule zum Beruf charakteristisch ist — bleibt ewig abhängig von den Einflüssen alter Milieus, immer gebunden durch Regeln und Zwecke. Wenn solche Normen immerhin so viele Ausnahmen gestatten, daß die national - jüdische Agitation unter der kaufmännischen Jugend (Einzelpropaganda in den Jugendbünden) bei aller Schwierigkeit sich dennoch verlohnt, so ist es wichtig, einmal erkannt und gefühlt zu haben: daß Arbeit größeren Stils ausschließlich von den studentischen Korporationen geleistet werden kann, und sie daher die Verantwortung für dieFortschritte derjugendpropaganda tragen. Daß die Frage der Jugendpropaganda schlechthin — die nicht zu verwechseln ist mit dem Problem der Jugend erziehung — etwa zusammenfällt mit der Frage des „Keilens". Weil aber das „Keilen'' immer schwieriger werden muß, je mehr die Zahl unserer politischen Gegner wächst, je älter und größer und ansehnlicher z. B. die K. C.-Korporationen werden, deren gottgefälliges Treiben dem mattherzigen jüdischen Philistertum so sehr imponiert, darum zwingt uns unser Interesse an den Keilerfolgen dazu, neue vorbereitende Methoden der Jugendpropaganda auszubilden, die erst indirekt dem Keilen nutzbar werden. Oft genug sind alle unsere Bemühungen verspätet, weil eine tiefere, gedankliche Beeinflussung der — bereits gewarnten — Keilfüxe in der kurzen, unruhigen Zeit der ersten Semestertage unmöglich ist. Meist sind es gerade die Besten und Klügsten, deren Gewinnung die größten Schwierigkeiten macht. Sie scheuen Entscheidungen, deren Bedeutsamkeit zu begreifen sie scharfsichtig genug sind. Dagegen lehrt die Erfahrung, daß wir fast immer Sieger bleiben, wenn wir nur Zeit und Gelegenheit zum Kampfe haben. Beides finden wir, wenn wir in den oberen Klassen der höheren Lehranstalten zu agitieren bereits anfangen. Wenn bis heute dieser Teil der Jugendpropaganda ein gänzlich vernachlässigter Zweig der offiziellen nationalen Agitation ist, so liegt das daran, daß man mit der üblichen öffentlichen Versammlungsagitation naturgemäß Schüler fast gar nicht erreicht und auch kaum wirksam beeinflußt. Die Schülerpropaganda braucht eigene Methoden!