Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 12 (März 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Der jüdische Student. vor allem darauf, daß er zu einer Vollnatur wachse, daß er ein Mann werde, der Respekt hat vor der Mannhaftigkeit des andern; ein Jude,^der in dem anderen nicht den sieht, der auch nur ein Jude ist, sondern den Mann, um den der Bannkreis der Persönlichkeit gezogen ist, vor dem es „Halt!" heißt und „Hut ab!" für den Kaiser selbst; ein Jude, der weiß, was es heißt, Distanzen zu haben und Distanzen zu respektieren; was es heißt, einer Autorität zu dienen mit Vertrauen und Hingabe; ein Jude, dem endlich die Erkenntnis aufgedämmert ist, daß uns Juden nicht zu helfen ist ohne den Oedanken der Organisation, und daß Organisation undenkbar ist ohne Disziplin, d. h. ohne die Zurückhaltung, die Selbstbeherrschung und die Zucht eines jeden. Das, denke ich, ist ein klares Programm. Vielleicht zu klar für manchen. Ich habe heute freilich nur auf der G-Seite die tiefe, herbe Melodie des Lebens und der Wahrheit gespielt. Zum ersten Male diese Melodie. Sie mag traurig sein. Aber nachklingen soll sie. Und wer Gehör hat, der spiele sie mir nach. Wenn sie doch recht populär würde, diese Melodie! Wer Gehör hat, wird freilich noch etwas anderes herausgehört haben aus meinem Spiel, als den Ton der Bitterkeit über etwas, was uns fehlt: Den Ton der Liebe. Und wenn er mir die Melodie nicht nachspielen kann mit diesem Ton der Liebe, wenn er sie nur als einen danse maccabre oder gar nur als einen spöttischen Gassenhauer herunterhauen kann: Zum Teufel erst das Instrument, Zum Teufel hinterdrein den Sänger! Wer aber ganz deutlich hingehorcht hat, der muß noch ein drittes vernommen haben: Den Ton der Hoffnung. Ich glaube, daß esjbesser werden wird. Hätte heute nicht gesprochen, wenn ich es nicht glaubte. Warum glaube ich es? Weil wir Juden wohl Fehler haben, Erziehungsfehler; der Grund aber in uns, der Rohstoff, das Metall unseres Lebens, das ist herrlich. Wir haben Idealismus und Opfermut, wir haben Begeisterung und Hingabe, Leidenschaft und Geduld. Kommt die Selbsterkenntnis hinzu, so haben wir zum Metall noch den Hammer und können uns unsere Zukunft schmieden. Und wie wird diese Zukunft aussehen? — Dieses Jahr Knechte, künftiges Jahr Männer, freie Männer!