Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 2-3 (21.6.1910)
- Date
- 1910-06-21
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student 63 der Worte! Eben jene Sprache, die sonst die Sprache der Gauner und des gedankenlosen Witzes war, bildet für. uns die Brücke zur Vergangenheit und zugleichzur Zukunft. Wir liebten alle den Jargon nicht, weil wir ihn nicht kannten. Wir wussten wohl, dass er die Sprache der Mehrzahl unseres Volkes ist. Doch wir wurden traurig, wenn w.'r seine eckigen, harten und verstümmelten Klänge vernahmen. Und seien wir ehrlich, wir schämten uns auch ein wenig. Jetzt haben wir ihn. lieben gelernt, als wir seine Seele aufspürten. Als wir fühlten, die Seele dieser Sprache ist doch die Seele unseres Volkes. Wie das Volk dachte, sprach und wirkte, das lehrt uns der Jargon und seine Dichter. „Der Jargon, bislang die Sprache der Verachtung, wurde die Sprache des nationalen Trotzes.u Und am Kinde richteten sie sich auf. Das Kind des Ghetto wird ein Symbol der ersehnten Freiheit. Dem Kinde wird die Gegenwart genommen. Es muss dem Vergangenen leben, um' sich für die Zukunft zu bereiten. Nur selten kann es dem zwecklos heiteren Spiele leben. Und darum tragt, das Judenkind die „Fesseln frühen Greisentums." Doch bei alledem: „Seele.** In ihm wirkt schrankenlos jüdische Phantastik und zugleich jener realistische Sinn, den Not * und Kampf nur zu oft überstark gebildet haben. " Sehnsucht schuf die Dichtung vom jüdischen Kind, Sehnsucht weckte auch die jüdische Romantik. Es ist kein Zufall, dass ein Jude auch in der deutschen Romantik einen Gipfel bedeutet. In der Romantik schmilzt Sehnsucht und kritischer Sinn, der sich bis zur Selbstzersetzung steigern kann, in eins zusammen. Die Zerrissenheit und Verzerrung unserer Volksseele bestimmt uns zum Romantischen. Das ist die Qual unseres-Treibens, dass wir nach Ganzheit suchen und dabei wissen, dass wir sie erst erringen können, wenn wir wurzelhaft werden. „Ein Ringen nach Erde, -Flucht m die Mystik,' Flucht in die Fremde,44 ein Taumeln in flüchtigen Genüssen, ein Sichselbstbe!rügen: „Und nirgends das Heil.u Das Leben unseres Volkes ist eine Frage. Wir bangen alle, wie wird die Antwort sein? In einem Lyrismus, in dem man das Zittern seiner Seele .spürt, hat uns Zlocisti die Jargonkunst gezeigt. Eine seltene Einheitlichkeit von Sprache und Stimmung! Wenn je, so ist mir hier die bindende Kraft vergangener Geschlechter lebendig geworden. Ueber fremde Sitte und Gewohnheit, über fremde Sprache hinweg, hört man die klagende^ Sehnsuchtsstimme seines Volkes, die ekstatische Inbrunst chassidischer Mystik. Den Absc^iluss bildet die Charakteristik von Schalom Asch, der zu einem Ueberwinder des Ghetto geworden ist, ohne es zu vernichten. Er ist kein Wettschmerzier, kein nervöser Skeptiker, „er steht fest in den Schollen,** — er schafft den Zusammenhang zwischen der ^stillen Weltu und der neuen Zeit, die der Verheissungen voll ist, ein frohes Symbol der Zukunft.