Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 7 (1910-1911)
- Issue
- Heft 1 (27.4.1910)
- Date
- 1910-04-27
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Dei jüdische Student. künstlerischen und literarischen Interessen ist der Gedanke an einen selchen zukünftigen Reiigicnsstaat unerträglich. Als etwas geradezu Ungeheuerliches aber mutet es an, wenn . man einen so bedeutenden Orthodoxen wie Hirsch Kalischer in seinem Buche „Zienshersteilung'* die Wiedereinführung des Opfer- Gottesdienstes als etwas unbedingt Gebotenes hinstellen sieht! Dass dieser trübe Geist der Orthodoxie bis in die jüngste zionistische Gegenwart herrscht, dafür zeugt der schon erwähnte Aufsatz, von Seligsolln".-.Religion und Zionismus."'Dort wird ausführlich und eindringlich begründet, dass der Orthodoxe „strenge. Verwahrung gegen den Satz einlegen müsse: Bei uns kann jeder nach seiner Fasson selig werden" (S. 319 Abs. 4.) Sätze, die in ihrer Selbstverständlichkeit für den Westjuden banal sind, werden hier als unerhörte Forderung bekämpft. Im Staat der Orthodoxen darf man nur nach orthodoxer Fasson selig werden!. Für den Orthodoxismus ist das 20. Jahrhundert noch Mittelalter! Zum Schluss ist die Frage berechtigt, was der pojitische Zionismus dieser als so gefährlich erkannten Macht gegenüber tun soll. — Die Antwort (im Prinzip) ist natürlich die: Ersetzung der religiös orthodoxen Auffassung des Judentums durch die rein nationale. Diese Ersetzung ist eine kluge Vorbeugungsmassregel aus dem Gesichtspunkt heraus, dass über kurz oder lang auch den Ostjuden eine gewisse Freiheit kommen wird und der Orthodoxismus sich dann wieder in seiner Unfähigkeit, das Judentum zu erhalten, zeigen wird. Wenn dann nicht das Ostjudentum von dem warmen Nationalgefühl der westjüdischen Zionistfn erfüllt ist, wird es.bald ebenso der Auflösung entgegergehen wie das Gros des Judentums in Westeuropa. - Denn der Nationalismus (wie ihn die westlichen Nationalisten haben) ist seiner absoluten Potenz nach äusseren Enflüssen gegenüber (die auf Auflösung abzielen) unendlich viel stärker und widerstandsfähiger als der ostjüdische Orthodoxismus und der darin involvierte überaus schwächliche Nationalismus, der. wie schon mehrfach betont, als Nicht - Selbstzweck - Nationalismus eben nichts rechtes ist Diese Ersetzung ist aber nicht nur klug, sondern geradezu eine * gebieterische Notwendigkeit für den, der sich das zionistische End-, ziel als eine Gemeinschaft moderner Menschen vorstellt, in welcher •der Ueberzeugung und dem Gewissen kein Zwang auferlegt wird, in welcher Freiheit der Wissenschaft und der Kunst selbstverständlich ist — Das beste Mitte! zu dieser Nationalisierung der Ostiuden anzugeben, gehört nicht mehr zum Thema dieser Arbeit; das ist wohl auch nicht so ohne weiteres zu sagen. Jedenfalls scheint mir Ruppin in den letzten Kapiteln seines eingangs zitierten Buches eine Möglichkeit der Lü>r/-g anzudeuten: Schulen schon in Osteuropa, die den Ostjuden mo.:ernes Wissen, Kenntnisse der Agrikultur bringen. Dass dabei keine „Yolljuden" hervorgebracht würden, ist nicht