Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 8 (23.11.1909)
- Date
- 1909-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537665-3537674--1353-3539450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
192 Der jüdische Student. an derselben Stelle bekannt. Das Ganze ein durchaus berechtigtes Verfahren, denn es ist klar, dass man bei Besetzung von Stellen ceteris paribus die Angehörigen des eigenen Verbandes bevorzugt. Wenn auch andere studentische Verbände diesen Brauch üben, so ist er beim B. J. C. um so mehr angebracht, als der jüdische Akademiker, der heute eine Assistentenstelle sucht, sich in ziemlich übler Lage befindet^ weil die meisten zu besetzenden Assistenten- und Yertrelerstcllen für Juden gesperrt sind, da diejenigen, die diese Stellen zu vergeben haben, es ablehnen, Juden einzustellen. Es ist dies ein -Verfahren, das oft genug unsere Erbitterung hervorgerufen hat und das um so mehr getadelt wurde, als wir darin eine Unvornehmhcit sahen, dass unsere Gegner einen politischen Kampf auf wirtschaftliches Gebiet trugen. Bald werden wir keinen Anlass mehr haben, uns über die Kampfesmethode unserer Gegner zu entrüsten. Der B. J. C. ist im Begriffe, weit schlimmeres zu tun. — Er will ein jüdisches Arbeitsamt gründen, d h. er will bei Besetzung von Vakanzen die Wohltat der Bevorzugung nicht nur auf seine eigenen Angehörigen ausdehnen, sondern er will ein Institut schaffen, das es ermöglicht, dass Stellen bei Juden in erster Linie von Juden besetzt werden. Er will das. was wir bei unseren Gegnern vereinzelt vorfinden und bisher dort nicht genug tadeln konnten, zu einem System erheben. Den politischen Kampf, den die Gegner vereinzelt — allerdings in grosser Zahl — auf wirtschaftliches Gebiet hinüber getragen haben, wollen wir auf wirtschaftlichem Gebiet organisieren. Der B. J. C. begibt sich hier auf eine Bahn, die ihm von Hause aus nicht vorgezeichnet ist, und ehe wir uns in Bewegung setzen, sollten wir doch untersuchen, ob der Weg nicht abschüssig ist. Der B. J. C. hat sich bisher, soweit er nach aussen aufgetreten ist, nur politisch betätigt, und er hat bei dieser Betätigung manchen Erfolg verzeichnen können. Man wird sagen, da<s die Politik es heute notwendig macht, wirtschafdiche Kr folge anzustreben. Man wird mir aber zugeben, dass man sich politischen Nutzen nur dann von solchen Aktionen versprechen kann, wenn man tatsächlich wirtschaftliche Erfolge erzielt. Treten jedoch wirtschaftliche Misscrfolgc ein, so werden sie auch politische Mis.sererfolge darstellen. Nun bin ich überzeugt, dass eine Organisierung der Stellenvermittelung von Seiten des B. J. C., also ein judisches Arbeitsamt, einen wirtschaftlichen Misserfolg zeitigen muss. Denn in dem allgemeinen wirtschaftlichen Kampf sind die jüdischen Akademiker wohl kaum schlechter gestellt als die nichtjüdischen Kollegen, da das hilfesuchende-Publikum keinen Unterschied zu Ungunsten der Juden macht (häufig ist sogar zu beobachten, dass es einen Unterschied zu Gunsten der Juden macht). Doch ist nicht zu leugnen, dass während der Assistentenzeit jüdische Akademiker häufig sehr grosse Schwierigkeiten haben, die