Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 1 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Der jüdische Student. füllt, der ihnen im Lauf der Jahrhunderte verloren gegangen war. Mit der inneren Erstarkung des gesetzestreuen Judentums ging die äussere Festigung Hand in Hand, die in den letzten Jahren zur Gründung des Verbandes der Sabbath freunde mit 5—6000 Mitgliedern und der freien Vereinigung führte. Aus diesem Konsolidaüonsprozess ging auch zunächst die Berliner V. J. A. hervor (1903), die anfangs ziemlich enge Beziehungen zum V. J. St unterhielt, da ein grosser Teil ihrer Mitglieder auch diesem angehörte. Es mag ein aktuelles Zerwürfnis gewesen sein, das die Scheidung von B. J. C. und B. J. A. herbeiführte, dennoch ist nicht zu bezweifeln, dass ihre Ursache tiefer lag, dass das beiderseitige Interesse die Trennung verlangte. Uie Orthodoxie, für die die jüdische Religion einzige Lebensbedingung und Lebensaufgabe des jüdischen Volkes ist, musste ihre studentische Interessenvertretung von einem Verein emanzipieren, der, wie das der V. J. St. tut, das Nationale als Selbstzweck betrachtet und der als Verein der Religion indifferent gegenübersteht. (Damit ist gegen die Zugehörigkeit des einzelnen orthodoxen Studenten zum V. J. St. gar nichts gesagt.) Der V. J. St. dagegen konnte eine reinliche Scheidung aus dem Grunde nur begrüssen, weil er dadurch von der Versuchung befreit wurde, sich selbst und andere über seine Natur zu täuschen. Nachdem es nun mit der Freundschaft zwischen V. J. St. und V. J. A. vorbei ist, hat sich die Liebe in bitteren Mass verkehrt. Keine Korporation wird heute von der V. J. A. wütender bekämpft als wir. Von den radikalen Kreisen wird im „Jsraelit", vom Katheder und von der Kanzel der Bann gegen den V. J. St. ausgesprochen. Wenn alles Reden nichts fruchtet, dann steckt man sich hinter die väterliche Gewalt, manchmal mit Erfolg. Die V. J. A. ist eben beim Keilen in der Wahl ihrer Mittel noch weniger wählerisch als andere Korporationen. Man hat ihr dies vielfach zum Vorwurf gemacht, hat gefragt, wie eine religiöse Vereinigung sich um die Gewinnung von Leuten bemühen kann, die nicht auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen. Aber in dieser Form ist der Vorwurf unbegründet. Die V. J. A. würde sich nur dann selbst verleugnen, wenn sie bei ihren Mitgliedern die praktische Uebertretung der Religionsvorschriften duldete, denn das Handeln nach dem Gesetze nennt Hirsch die Grundforderung des Judentums. Natürlich kann auch auf die theoretische Uebereinstimmung mit den religiösen Lehren nicht verzichtet werden, doch begründet die V. J. A. die Aufnahme von Andersdenkenden, ebenso wie wir, damit, dass ein Mulus überhaupt noch keine feste Ansicht habe, sie vielmehr in der Corporation sich erst bilden solle. Nur erst die Gesetze befolgen, die Ueberzeugung von ihrer Richtigkeit werde schon von selbst kommen. Theoretisch lässt sich gegen diese AA.usrührungen nichts einwenden, es fragt sich nur, ob in der Praxis der Verlauf ebenso unanfechtbar ist. Die Gefahr liegt zu nahe, dass ein V. J. A.er, der die Anschauungen seines Vereins nicht teilt, niemals die Wahr-