Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 6 (1909-1910)
- Issue
- Heft 1 (22.4.1909)
- Date
- 1909-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Von der Entwicklung des \\ J. St. Die Kritik, die dem Bericht über den Alten-Herren-Abend in Berlin angeschlossen ist, kann ich nicht für stichhaltig halten. Denn der Gegensatz der alten und der neuen Richtung ist heute weder ein Gegensatz einzelner Personen noch ein Gegensatz der Veranlagung und der Weltanschauung. Zwirns Ideen sind von einer Generation aufgegriffen worden, die der Gründergeneration verwandter ist als je eine frühere. Für diese Generation ist der Tendenzkampf der letzten Jahre charakteristisch, in dem gar nicht um neue Organisationsformen, um etwas, was durch Beschlüsse auszufuhren wäre, sondern nur um Ideen, um die Auffassung vom Wesen des B. J. C., gestritten wurde. Ihre Führer haben auch ihre Konsequenzen viel weniger aus praktischen Ueberlegungen, was der Tag fordere, als aus der Erkenntnis historischer Notwendigkeit gezogen. Deshalb haben sie — vielleicht als die ersten — Zwirns wirkliche Bedeutung und den wirklichen Wert seiner Ideen begriffen. Wir wissen heute, dass es sich hierbei nicht um Fragen der Organisation allein, sondern im tiefsten Grund um Tendenzfragen handelt. Daher wissen wir aber auch, dass zwischen einst und jetzt Zusammenhänge bestehen, dass das Neue vom Alten nicht zu trennen ist, sondern notwendig aus ihm folgen musste. Die Gründer des V. J. St. brachten die neuen Ideen des Judentums. Ihnen verdanken wir in erster Reihe die neue jüdische Geschichtsauffassung. Sie zeigten, dass das Judentum national ist und national sein muss. Von hier ging die Revolution der jüdischen Geister aus. Diese Ideen waren aber nicht um ihrer selbst willen gedacht, durften nicht nur litterarisch bleiben. Sie hatten nur Sinn, wenn sie der Beginn einer neuen jüdischen Politik waren. Als Beginn, als Einleitung einer solchen waren sie nötig, aber man muss sich bewusst sein, dass sie eben nur die Einleitung waren. Die Geschichte musste erkannt werden, um die Geschichte zu be-. einflussen. Die neuen Ideen waren jedoch nicht nur eine Umwertung alter Ideale, sondern in ihnen lagen neue grosse Ziele. Es ist zweifellos, dass sich in den Anschauungen der jüdischen Oeftentlichkeit und der jüdischen Politiker ein gewaltiger Umschwung vollzogen hat, und unsere Alten Herren können diesen Erfolgzum grossen Teil auf ihr Konto schreiben. Gerade das z\vingt uns, weiter zu gehen. Diese Erfolge sind erst die Hälfte des zu Erreichenden. Es genügt nicht mehr, die Fehler des alten Regimes aufzuzeigen, was ist, zu reformieren. Es ist jetzt an der Zeit, die neuen Wege zu führen, die Initiative in der jüdischen Politik zu ergreifen. Deshalb kann es sich jetzt nicht mehr darum handeln, Äzu den Fragen des Judentums Stellung zu nehmen", sondern wir müssen heute unsere Bundesbrüder zu jüdischen Politikern, zu Führern auf den neuen Wegen zu erziehen suchen. Wie unser politisches Endziel sein muss, brauche ich wohl kaum noch zu sagen. Es kann sich nur eine einzige Politik aus den