Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 4 (30.7.1908)
- Date
- 1908-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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76 Der jüdische Student» Nachdem cand. ehem. Zöllner-Berlin die bekannten Vorgänge, die zur Auflösung der Freien Studentenschaft führten, erörtert hatte, nahm in der Debatte Student Kalmon von der Wissenschaftlichen Vereinigung das Wort, um unter anhaltendem Beifall auszuführen, dass er beauftragt sei, den Gemassregelten die Sympathien seiner Korporation zu übermitteln. Ob korporiert oder nicht, sei gleichgültig, wenn es gelte, die studentischen Rechte und Freiheiten zu verteidigen, wie es hier der Fall sei. Im gleichen Sinne sprach sich der vorjährige Vorsitzende der Deutschen Studentenschaft aus. Am Schluss wurde eine Resolution angenommen, in der gegen das Vorgehen der Universitätsbehörde gegenüber der Berliner freien Studentenschaft Protest erhoben wurde. Der unbeteiligte Zuhörer hatte den Eindruck, dass mit viel Begeisterung gesprochen werde, auch schien ja tatsächlich das Recht auf Seiten der aufgelösten Organisation zu sein. Aber war hier wirklich das höchste Gut der Studenten verletzt? Man sah unter den Anwesenden das jüdische Element überwiegen. Es ist sicher nicht anzunehmen, dass sich diese unsere Commilitonen bis dahin niemals so stark in ihren idealen Gütern verletzt gefühlt haben sollten als durch die Handlungsweise des akademischen Senats. Insbesondere ist nicht anzunehmen, dass ihnen antisemitische Anfeindungen ausserhalb und innerhalb ihrer Organisation unbekannt geblieben sind; demnach haben diese Beeinträchtigungen nicht ihre Entrüstung hervorgerufen, jetzt aber, wo die akademische Freiheit verletzt ist, wird ihr Zorn wach. Der Eingeweihte, der die Entwicklung der Finkenschaft verfolgt hat und die antisemitische Tendenz des grösseren Teiles ihrer arischen Mitglieder, die assimilatorische ihrer jüdischen Mitglieder kennt, lächelt über den Zorn und über die Begeisterung. Beide sind künstlich geschaffen. Es ist unbequem, seinen jüdischen Standpunkt zu verteidigen, aber es ist viel angenehmer und macht sich besser für die verletzte studentische Freiheit einzutreten. Denn dort muss man als Jude anrtreten; hier braucht man sich dieser Eigenschalt, da sie ausser Betracht bleibt, nicht zu schämen. — Immer kleiner wird der Kreis der den Juden gelassenen Kulturgüter. In Bonn schliesst man sie von einem offiziellen Fackelzug aus, in Berlin verwehrt man ihnen die Sittlichkeit. Hier muss der Jude unmoralisch leben, denn der akademische Kulturbund Ethos hat ihm die Tür gewiesen. Der akademische Verein Ethos betreibt unseres Wissens die Enthaltung von den Frauen vereinsmässig. Diese Wohltat der gemeinsamen Keuschheit hat nun die gesamte Organisation den Juden entzogen, „da sie sich andernfalls selbst den Lebensfaden abschneidet", wie es nicht sehr einleuchtend heisst. Bereits vor einigen Jahren hat der Verein in nicht ganz klarem Zusammenhang der Zweckmässigkeit dieses Schritts mit seiner moralischen Tendenz seine jüdischen Mitglieder ausge-