Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 5 (1908-1909)
- Issue
- Heft 3 (24.6.1908)
- Date
- 1908-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 55 Der Akademische Senat der Universität Berlin hat soeben "angeordnet, dass die „Freie Studentenschaft" künftig Mitgliederlisten zu führen und einzureichen hat, dass sie als Verein im Sinne der §§ 38—44 der Vorschriften für Studierende behandelt werden soll, und dass die Satzungen in dieser Richtung umzuändern sind. Falls es nicht — was allerdings ziemlich wahrscheinlich ist — der „Freien Studentenschaft" gelingt, die vom Senat bestimmten Formen eben bloss als leere Formen zu beobachten, bedeutet diese Anordnung eine erhebliche Schädigung der „Freien Studentenschaft*. Denn gerade allem Vereinsmässigen wollen doch die — insbesondere auch jüdischen — „Individualisten" entgehen, die in ihr Zuflucht suchen. Wir werden die weitere Entwicklung mit Interesse verfolgen müssen. — Das Wesen der „Freien Studentenschaft" wird übrigens recht gut charakterisiert durch eine zu Beginn dieses 'Semesters vom Ausschuss der Freien Studentenschaft herausgegebene Schrift jZur Einführung in das akademische Leben an der Kgl. Universität zu Berlin*. Dass die Abschnitte „Ankunft in Berlin" und „Geschäftsgang der Immatrikulation" recht brauchbar, dass die in dem Aufsatz ,,Die Kunst in der Studentenbude" ausgesprochene Mahnung, aus der Leihbilderei der Berliner Freien Studentenschaft jedes Semester Reproduktionen guter Kunstwerke zu entnehmen, durchaus beherzigenswert ist, das ist eigentlich selbstverständlich. Aber auch das, was über die allgemeinen Fragen gesagt wird, fordert wohl kaum irgendwo einen prinzipiellen Widerspruch heraus. (Die Befehdung des Korporationswesens als solchen ausgenommen.) Ja, sogar unter den in der Schrift skizzierten Aufgaben der Mitglieder der Freien Studentenschaft findet sich keine, die ein V. J. St.-er zu meiden brauchte. Gerade in dieser — fast möchte ich sagen — Allgemeingültigkeit ihres Programms liegt nun naturgemäss zugleich die Stärke und die Schwäche der „Freien Studentenschaft" — insbesondere auch uns gegenüber. Es gelingt ihr leicht, den jungen Studenten zu bezaubern, und sie erschwert es uns dann dadurch sehr, an ihn heranzukommen. Gewinnen wir aber dennoch engere Fühlung mit ihm, so sind die ihm durch die „Freie Studentenschaft" eingegebenen Gedanken kein starker Wall gngen unsere Agitation. Denn zu Prinzipien erhobene Gemeinplätze sind — mögen sie mit noch so viel Pathos ausgesprochen werden — keine Ideale, die den jung-jüdischen gleichwertig wären. J. V. von Dr. Siegfried Moses (Berlin).