Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1908)
- Date
- 1908-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 309 handelte. Nicht genug, dass man von den jüdischen Freistudenten, die sich in der Organisation eifrig betätigen und betätigen möchten, keinen in den Vorstand wählte — ein Herr, der etwas jüdisch aussah, wurde erst gewählt, nachdem die Versammlung sich überzeugt hatte, dass er nicht Jude ist. Dem Herrn Referenten zur Judenfrage aber übertrug man, irre ich nicht, das Amt des zweiten Vorsitzenden! „Dies sind deine Götter, Israel", denkt aber trotzdem das Abwehrblättchen (M. A. vom 26. IL), das in einem Artikel über die Fr. St. diese als eine „fortschrittliche Bewegung der deutschen Studentenschaft" charakterisiert, weil sie auf Grund ihres „liberalen" und „modernen" Programms antisemitische Strömungen nicht aufkommen lasse! Ueberhaupt erfreuen sich bedauerlicherweise die freien Studentenschaften in letzter Zeit der kräftigsten Propaganda von Seiten der liberalen Presse und leider auch der besten bürgerlichen Blätter, z. B. der Naumannschen Hilfe. Wir müssen trotzdem die Fr. St.en grundsätzlich ablehnen: ihre jüdischen Mitglieder verfallen erfahrungsgemäss entweder der Assimilation oder--dem Antisemitismus. Der Indifferentismus des jüdischen Akademikers dem Judentum gegenüber ist aber auch andererseits nicht als eine augenblickliche Laune oder gar unbedingt und ausnahmslos als moralischer Defekt einfach abzutun, sondern wir müssen uns gewöhnen, darin eine rein geschichtliche Folgeerscheinung (um nicht zu sagen: Notwendigkeit) zu erblicken. Wie sich die jüdischen Akademikerkreise im Verfolg der Emanzipationsbestrebungen in die Netze der Assimilation beinahe rettungslos verstrickten, um schliesslich dort klägliches Fiasko zu machen; wie der Isolierung der Juden auch die paritätischen Verbindungen nicht nur kein Ende bereiteten, sondern im Gegenteil fast noch Vorschub leisteten, indem sich die deutschen Kommilitonen allmählich infolge des Ueberwiegens und der Aufdringlichkeit des jüdischen Elementes aus ihnen zurückzogen! wie aber nun, ebenso als inneres Resultat des Auf-sich-selbst-angewiesen-seins, wie aus der Tendenz nach einem ausgebildeten Individualismus heraus, -die Forderung des „bewussten" Judentums erwächst; mit einem Wort also die Entwickelung der jüdischen Studentenschaft durch die verschiedensten Phasen hindurch bis zu unserm Standpunkt — das alles erörterte in einer „jüdischen S t u d e: n t e n v e r s a m m 1 u n g" vom Ende Februar Elias Auerbach in gewohnter eindringlicher und einfach klarer Weise in seinem Referat über das „Problem des modernen jüdischen Studente n". Wrenn an dem Abend eine etwas gedrückte Stimmung vorherrschte, so war daran wohl weniger die Anwesenheit der bewaffneten Macht (in Gestalt eines Polizeileutnants und eines Schutzmanns) schuld, die übrigens schon bei dem blossen Worte „sozial" nervös mit dem Bleistift zu spielen anfing — als vielmehr die wirklich äusserst betrübende Tatsache, dass trotz sorgfältiger Vorbereitungen und eifrigster Propaganda (Flugblätter, persönliche Einladungen etc.), von den etwa 100 Anwesenden kaum ein Dutzend