Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 6 (Oktober 1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Der jüdische Student geschlossenen Raum, sondern in die freie Natur. Er bringt ihn in Berührung mit den Elementen und macht ihn dadurch sicherer und entschlossener. Er gewährt eine gleichmassi^e körperliche Ausbildung mit der Möglichkeit, sportlichen Ehrgeiz zu befriedigen, vor allem gibt er dem, der gezwungen ist, den Sommer in Berlin zu verbringen, eine so angenehme Erholung, dass eine blühende Ruderabteilung Berlin bei V. J. Stern wieder in den Ruf einer Sommeruniversität bringen würde. Das Rudern seh Ii esst die Ausübung der andern Sports nicht aus. Im Gegenteil. Man kann auf dem Bootsplatz turnen, fechten, schiessen etc., es wäre aber ein geeignetes Mittel, um die übertriebene Bedeutung, die man augenblicklich in manchen V. J. Ster- Kreisen dem Fechten beilegt, ein wenig einzuschränken und unsere Leute in die Bahnen einer gesunden sportlichen Betätigung zurückzuführen. Ich sehe mit Bedenken, dass bei uns die Zahl der Mensuren steigt, die keine antisemitische Aeusserung zur Vorsache haben. Man fordert heute bereits ganz gleichmütig Juden, zum Teil aus ganz nichtigen Ursachen, zuweilen sogar auch schon Angehörige »befreundeter* Korporationen. Diese Ausschreitungen sind gefährlich für die Sache des Judentums. Sie haben ihre Ursache teilweise in dem verminderten Verantwortlichkeitsgefühl unserer Generation gegenüber der Sache des Judentums, teilweise darin, dass der V. J. St. sich mehr und mehr an die studentischen Sitten bezw. Unsitten der arischen Korporationen assimilirt hat, was übrigens teilweise durchaus berechtigt ist. Ich glaube also noch eine andere Ursache aufdecken zu können, und die^e führt mich dazu, die Ruderei zu empfehlen. Es ist bei uns neuerdings das Bestreben erwacht, unsere Leute zu sogenannten »strammen und aufrechten Menschen* zu erziehen, ein gar löbliches Bestreben, das meinen vollsten Beifall findet Das Allheilmittel lautet momentan ,officielles Fechten*. Wer nun aber einige Jahre hindurch beinahe täglich gefochten hat und in dieser Kunst eine leidliche Fertigkeit erlangt hat, in dem regt sich der durchaus entschuldbare Wunsch, einmal die Probe aufs Exempel zu machen und auf Säbel anzutreten. Er sucht eine Mensur. Das macht ihn gegen feinere Unterscheidungen unempfindlich. Und wenn er das erste Mal mit einem blauen Auge davon gekommen ist, dann hat er »Blut geleckt* und ist nun begierig zum zweiten Male »für Judas Ehre sein teures Blut und Leben* zu lassen. Es möge mir niemand widersprechen, denn ich kenne das von mir selbst Unterstützen wir diese Richtung also weiter, so werden wir bald eine Fülle von unangenehmen Mensuren haben. Ich bin nicht etwa principieller Gegner des Fechtens. Wir wollen es also nur so weit fördern, als unbedingt notwendig ist. Was ich will und ihr wohl auch, sind am letzten Ende nicht Renomierfechter, sondern gesunde, kräftige und diseiplinierte Menschen, die uns das Rudern viel eher verschafft als die Fechterei.