Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 1 (März 1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537636-3537637--0391-3538457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
32--:-.-—-— Zu diesen Grundgedanken hat sich die ungeheure Mehrheit der Mitglieder der Vereine Deutscher Studenten allerdings stets bekannt, ohne dabei irgendwelche Ausnahmegesetzgebung gegen das Judentum zu verlangen. Stehen nun mit diesem gesellschaftlichen Antisemitismus, oder, falls man dies lieber hört, Asemitismus, die Vereine Deutscher Studenten, wie die jüdische Presse gern glauben machen möchte, allein, zunächst auf akademischen Boden? Es dürfte doch wohl bekannt sein, dass dem Beispiel der Vereine Deutscher Studenten mit dem grundsätzlichen Ausschluss der Juden aus ihren Verbindungen nicht nur Korps und Burschenschaften, sondern auch Landsmannschaften, färbentragende und schwarze Turner, die ungeheure Mehrzahl der wissenschaftlichen Vereine und der freien Verbindungen, kurz die überwiegende Mehrheit der studentischen Vereine gefolgt sind. Der Sprachgebrauch der Berliner Studentenschaft unterscheidet kurzweg zwischen Verbindungen, Vereinen und Blasen, wobei unter „Blasen" solche Verbindungen verstanden werden, die auch Juden aufnehmen. Bezeichnend für den gesellschaftlichen Antisemitismus, der in den deutschen Burschenschaften herrscht, ist die Erklärung eines Vertreters der Berliner Burschenschaft auf den Vorschlag, einen Ausschuss der Studentenschaft nach dem Muster der Lesehalle wählen zu lassen: „Ich muss erklären, dass wir für ein Wahlverfahren, bei dem auch Juden hineinkommen, nicht zu haben sind, da wir grundsätzlich mit solchen nicht zusammensitzen wollen. In der Tat haben sich die Ausschüsse der Berliner Studentenschaft, die von den Verbindungen gewählt wurden, mit erklärlicher Ausnahme der für den Virchowkommers gewählten, lediglich aus Vertretern von judenreinen Körperschaften zusammengesetzt, Natürlich ist diese allgemeine Stimmung der Studentenschaft nicht ohne Rückwirkung auf die akademischen Lehrkörper geblieben. Leute von der Denkart eines Virchow, Mommsen sind fast kaum noch zu finden. Die grosse Mehrzahl der Professoren mittleren und jugendlichen Alters stimmen offen oder heimlich dem gesellschaftlichen Antisemitismus der Studentenschaft zu. Selbst Professoren, die sich liberal nennen, machen verdächtige Aeusserungen, wie Professor Paulsen, und bezeichnend sind die gerade in den letzten Tagen von der jüdischen Presse gemachten Bemerkungen über den Antisemitismus in der Berliner medizinischen Fakultät. Aus diesen Tatsachen findet sich auch die hinreichende Erklärung für das Verhalten des Rektors der Berliner Universität, Professor Hertwig, der seinerzeit einer judenfreundlichen Verbindung angehörte und jetzt zum Erstaunen der freisinnigen Presse auf den Verein Deutscher Studenten einen Salamander rieb. Gewiss wird die greise Magnifizenz ihre früheren Anschauungen kaum geändert haben, aber sie kennt die allgemeine Stimmung der Studentenschaft, die vom Verein Deutscher Studenten nur häufiger als von den anderen Verbindungen auch öffentlich zum Ausdruck gebracht wird. Soll sie deshalb dem Feste des Vereins fern bleiben, dessen Bestrebungen sie mit Ausnahme des gesellschaftlichen Antisemitismus durchaus billigen kann? # # Am 9. Februar veranstaltete die „Hasmonaea" eine Studenten Versammlung, in der stud. Rosenberg über das Thema: Die Judenfrage und die jüdische Studentenschaft" referierte. Der Abend kann leider nicht als gelungen bezeichnet werden und wurde nur durch eine gute Rede des Dr. Israel Auerbach gerettet.