Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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66 - „, —-——■-.- Trennende zu schweigen. Als ob es dadurch aus der Welt geschafft und nicht vielmehr vertieft würde, um schliesslich doch zu siegen, weil es eben die Frucht tausend willensstarker Vorjahre, nicht die der launischen Logik ist. Nur einen Augenblick, vor der Vermählung, kommt Maxens freisinniges Denken ins Wanken, er fragt sich, ob denn sein Volk während all der Zeit blind gewesen, ob das Festklammern am uralten Gesetz nicht doch mehr als Fanatismus sei. Max wird bald wieder freisinnig, bis ihm ein eiliges Schimpfwort der Frau die Augen öffnet. Auch gegenüber dem eigentlichen Ghettoproblem versagt H/s analytische Kunst. Die von ihm gegebene Lösung saugen bei uns die jüngsten Sprösslinge assimilantischer Familien an der Mutterbrust ein, und diese Infektion der Muttermilch führt zu einer Krankheit, von der H. nur einige Erscheinungsformen zu diagnostizieren vermag. Eine Therapie, die das Leiden als heilbar erscheinen Ii esse, weiss er nicht Seine jungen Juden sind aufgeklärt, schämen sich der Eltern, lachen über die Gebräuche, werfen den Glauben von sich, schaffen sich den neuen richtigen Gott, jedes Leben im Gefühl zerstört ihnen nervöser negierender Intellektualismus, sie verlassen ihr Volk und gehen hinaus mit schönen Beden über die neuen Ideale und Pflichten. Während H. die seelischen Kämpfe bei Max und Rafael gut beobachtet und sich entwickeln lässt, im einzelnen oft neue und schöne Züge findet — z. B. beim Abfall Max Kremers vom Glauben und seiner Rückkehr zu Gott oder in der Unterredung zwischen Rafael und Rebekka — ist er sich über das Woher und Wohin jenes Irrweges nicht klar. Er vergisst über seiner kosmopolitischen Lösung, dass es Torheit ist, gegen tausend Tatsachen und Bedingtheiten des Lebens kämpfen zu wollen, weil sie dem Einzelnen unbequem sind und er nur das Kranke, Entartete an ihnen sieht. Er sieht nicht, dass jede gegebene Reibung ihren tiefen Zusammenhang und Kulturwert hat, dass die Geschichte sich nicht meistern lässt, dass — wie alles Entwicklung ist — auch der Roman der Juden seine Fortsetzungen haben muss. H. bleibt mitten im Kampf stehen und bricht ihn mit einer Phrase ab. Wahrscheinlich, weil er doch nichts vom Ghetto weiss. Würde er mehr sehen, als eine schmutzige Gasse mit schmutzigen Menschen, dann hätte er vielleicht, so wie sein Max in einer grossen blauen Sternennacht zu Gott fand, jene stillen sentimentalen Stunden erlebt, wo der quälende eisige Verstand schweigt und restlos das Gefühl spricht, ihm den Weg zeigt, der aus der Judengasse hinausführt, die Stunde, da die Freiheit, die Göttin, ihn küsst, nicht der Götze, den er selbst sich geschaffen. H. hat diese Stunden noch nicht erlebt. Er ahnt nur die Heimatlosigkeit und das Ringen um die Heimat. Dies ist die Tragödie unseres Ghettos; die einen fliehen sie, die andern suchen sie „vom Wein und vom Singen betört" bei eleusischen Kränzen zu vergessen, wenige kämpfen mit ihr. Sie schafft reiche und arme Menschen, totes und glühendes Leben. Die Lieder dieses Ghettos sind uns noch nicht gesungen.