Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537625-3537626--6209-3538183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 Die Kehrseite schreibenden, durchreisenden Touristen, jedoch halte ich diese Kenntnisse für zu gering, um vor einem großen Kreise ein Urteil vertreten zu können. Die Tatsachen meines Berichts sind folgende: Durch die schnelle Entwicklung der Blau-Weiß-Werkstätten, hervorgerufen durch die Uebernahme einiger großer Arbeiten, sahen wir uns vor die Notwendigkeit gestellt, entgegen unseren sonstigen Prinzipien, zur Bewältigung der Arbeit Lohnarbeiter einzustellen. Wir haben bei der Einstellung der Arbeiter denselben bedeutet, daß wir zwar einerseits gewillt sind, mit ihnen so zu arbeiten, daß sie aus dem Zustand der Lohnarbeiter (Poalim Semanim) in die der Chawerim der Kooperative übergehen sollten, daß wir aber andererseits im Unmöglichkeitsfalle das Recht hätten, sie bei Aufarbeitung der Aufträge wieder zu entlassen. Dieses letztere Recht wurde uns von allen Arbeitern zuerkannt. Wir müssen ferner feststellen, daß der Ruf unserer Kooperative besonders deshalb gut ist, weil wir wegen bester Qualitätsarbeit im Lande uns bereits einen Namen verschafft haben. Wir waren uns also durchaus der Gefahren bewußt, die wir übernahmen, als wir den betreffenden Arbeitern die Möglichkeit einräumten, unter unserem Namen zu arbeiten, zumal wir darauf gefaßt sein mußten, daß auch die Arbeitsqualität dieser Leute nicht unseren Anforderungen entsprechen würde. Wir haben es aber andererseits als unsere Aufgabe betrachtet, schon jetzt damit zu beginnen, die bei uns durch glücklicheren Zufall und glücklicheren Umstände vorhandenen größeren Kenntnisse den übrigen Arbeitern in Palästina zu übermitteln. Während wir nun auf der einen Seite allerdings auf straffe Disziplin bei der Arbeit achteten und gleichzeitig darum bemüht waren, auch diesen Leuten über die Notwendigkeit der täglichen Arbeitsdauer durch unser eigenes Beispiel einen unseres Erachtens bei einem Aufbau notwendigen Arbeitsbegriff zu geben, haben wir ebenfalls durch Lehrkurse und persönlichen Kontakt versucht, unseren Arbeitsvorstellungen bei ihnen Eingang zu verschaffen. Wir müssen heute zugeben, daß wir in unseren Erwartungen enttäuscht wurden. Sobald irgend eine unserer Forderungen sich nur im geringsten an die Grenzen der radikal-sozialistisch gesteckten Möglichkeiten stieß, waren sämtliche Bemühungen nutzlos. Wir hätten uns aber selbst mit diesem Unverständnis abgefunden, wenn nicht von diesen Arbeitern in einer Form, die in keiner Weise den Tatsachen entsprach, Anklagen gegen uns vorgebracht sein würden. Als wir das erstemal davon Kunde erhielten, stellten wir die Betreffenden zur Rede und versuchten, durch Güte sie von ihrem Vorgehen abzubringen. Als wir schließlich einsehen mußten, daß alle unsere Bemühungen erfolglos waren, erklärten wir dem Haupthetzer, daß er sich darauf gefaßt machen müsse, von uns entlassen zu werden. Wir haben von diesem Rechte dann 3 Wochen später, als die Zustände zur Unerträglichkeit wurden, Gebrauch gemacht. Zu dieser Zeit waren wir ebenfalls beschäftigt an den Arbeiten der englischen Kathedrale in Jerusalem.