Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 1 (22.4.1912)
- Date
- 1912-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537600-3537601--2306-3538107- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 13 nur Diskussionen, die an eine einheitliche Lektüre aller Füxe anknüpfen. Die Verteilung des Stoffes auf zwei Semester, wie sie Ludwig Mayer empfiehlt, erscheint mir als ein schädliches Auseinanderziehen des Unterrichts. Ich kann auch die Gesichtspunkte, #a^i denen er den Stoff verteilt, nicht recbt^erkennen. Der Stoff kann, allerdings nur bei intensiver Arbeil, in einem §femester bewältigt werden. In jeder Wqche muß ein vierstündiger Unterricht über moderne Fragen abgehalten werden. Mit 8 bis 12 Stunden im Semester läßt sich natürlich nicht viel erreichen. Mit Lyon stimme ich auch in der grundsätzlichen Ablehnung des systematischen Geschichtsunterrichts für erste Semester überein, der leider noch nicht in allen Kartei (vereinen ausgerottet ist. Kein Fuxmajor ist imstande, den Füxen — die immerhin Studenten sind, und die mbi nicht gewaltsam zur geistigen Anspruchslosigkeit erziehen soll — über die ältere Geschichte Eigenes, von ihm selbst kritisch Begriffenes zu sagen; so soll er sie die gleichen Bücher lesen lassen, aus denen er seine eigene Weisheit geschöpft hat. Dieser Geschichtsunterricht ist reine Zeitverschwendung, aus ihm erklärt sich der Mangel an Zeit für den Unterricht über moderne Fragen im V. J. St. Straßburg. Der Fuxmajor muß seine Füxe so in der Hand haben, daß sie zu Hause ihren Graetz lesen; durch zwei oder drei Repetitionsstunden im Semester n^^er sich davon überzeugen. Schwieriger ist^die Frage des Geschichtsunterrichts der zweiten Semester. Äilch ihn bekämpfe ich. Gewiß wäre ein systematischer geschichtlicher Aufbau der neuesten Zeit die idealste Argumentation des Zionismus. Aber gerade deswegen bin ich dagegen, dqß die notwendig dilettantische Kunst unserer Fuxmajore sich an (lieser Aufgabe mißt. Dazu ist wissenschaftliche Schulung, Kenntnis der Quellen und historische Begabung erforderlich, Eigenschaften, die man als normale nicht voraussetzen kann. So fein gerade der Teil A des Lelewerschen Systems disponiert ist, so zweifle ich doch daran, daß jemand von uns imstande ist, das neunzehnte Jahrhundert in einem einigermaßen befriedigenden geschichtlichen Stil als die Geschichte der AssirrHation darzustellen. Ich ziehe daher für meinen Teil das Lyonsche System vor. Es ist etwas ganz anderes, von den Erscheinungen der Gegenwart ausgehend, historische Exkurse zu den einzelnen Zeitfragen zu geben, als das Nebeneinander und Gleichzeitige vieler sich entwickelnder Erscheinungen in einer wirklich historischen Darstellung aufzuzeigen.