Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 1 (22.4.1912)
- Date
- 1912-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Der Jüdische Student Ahnungslosigkeit, wenn diese vielleicht auch nicht so hochgradig ist, wie bei jenem Mann mit dem Hautausschlag, der auf die Mitteilung, es sei Syphilis, sagte: „Gott sei Dank, ich dachte schon, es seien Masern". Daß die Lues eine schwer zu nehmende Sache ist, welche die Gesundheit, die Fähigkeit, gesunde Kinder zu zeugen, ja das Leben sehr schwer gefährdet, das weiß man schon; über eine Gonorrhöe lächelt man als über eine Kinderkränkheit und sieht sie fast so an wie den bekannten Rausch, ohne den gehabt zu haben man kein rechter Mann sein soll. Daß aber auch diese Kinderkrankheit oft Folgen nach sich zieht, die sich bis in das Alter hinein erstrecken, daß zu einem außerordentlich großen Teil die scheinbar Geheilten fähig sind, noch zehn Jahre später die Gesundheit ihrer Frauen zu vernichten und ihre Fruchtbarkeit zu schädigen oder aufzuheben, das machen sich doch die wenigsten klar. Ebenso groß wie die Ahnungslosigkeit in diesen Dingen ist der Leichtsinn ihnen gegenüber. Jeder meint: mir kann so was nicht passieren, und wenn er schon an die Möglichkeit einer Gonorrhöe denkt, daß ihm die Lues mit einem nur etwas geringeren Prozentsatz von Wahrscheinlichkeit blühen kann, das erwägt er gar nicht. Da wir die Sache nicht vom Standpunkt des Moralisten aus betrachten — natürlich erscheint uns eine solche Betrachtung auch denkbar und wir würden ihr gern Erfolg wünschen —, können wir nur zu Vorsicht mahnen. Es sollte zu Anfang jedes (also auch dieses) Semester in der Fuxenstunde oder vor der Aktivitas ein belehrender Vortrag von einem älteren Bundesbruder, eventuell nach Besprechung mit einer erfahrenen Persönlichkeit, gehalten werden, in dem einerseits die vorhin nur angedeuteten Gefahren sexueller Infektion ausführlich dargestellt und die hier nicht zu behandelnde Prophylaxe eindringlichst zur Selbsterhaltungspflicht gemacht werden. Ferner sollte dort — und darauf sei auch in diesem Rahmen noch hingewiesen — der Aberglaube von der Schädlichkeit der Enthaltsamkeit zerstreut und die Frivolität bekämpft werden, die vorliegt, wenn mancher junge Fux nicht durch den eigenen Sexualtrieb sondern durch Neugierde, besonders aber durch das animierende Beispiel seiner Umgebung zur Betätigung seiner Geschlechtlichkeit gebracht wird.