Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 50 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- Seite 781 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin, 11. Sszember 1H2S IV. Jahrgang ❖ Nr. 50 Einzelnummer 10 Gol-pfemüz tz=tess MLnatsobonnement 40 ©olbpfcimtg \. zuzüglich Bestellgeld _ Verlag ir. Schriftlettung: Berlin SW 63, Lindonstr. 13. .*. £ stube G, Berlin SW S Allgemeine Zeitung des Oudenrums echer: Am! Dönhoff 3594, 3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 30172. .?. Bankkonto: Dresdner Dank, Dechsrldenstr. 7, und von Goldschinidt-Nothschild & Co., Berlin W 8. Rlleinige Anzeigenannahme: Dnnoncen-Cxpedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90--?cK für die 7gcspaltene Zeile nach Rudolf Mosses NormalzeiUnmefser Nr. 4, Fainilienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Ceinralvereins 0,45 Jt.U, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 J£M. Erzre AchlMHeLeaÄ» noEi Vro! De. Eri§ KZMrrg (Irmrffurk s. M.). Unser Lebensgesühl ist in einer radikalen Weise umgeschlagen. . Eine oft nn llebcrhebnng grenzende Zuversichtlichkeit hat .einem abgrnndtiefett und glaubenslosen Mißtrauen .Platz gemacht. lieber kleinste Gtückssätte und. nichtigste Errungenschaften türmten wir früher die ungeheuerlichsten Erwartungen. Jetzt scheillt jeder Zulnnstssame windige Spreu und jeder Hosfnungsstern ein trügerisches Licht. Es herrscht ein (veijt grundsätzlicher Skepsis und Verneinung, der sich kaum'zu schwachmütigen Reaktionen zu zwingen vermag, selbst wenn ein großes Schicksal uns mit seinem Flügel ftxcift. Die Art, mit der das deutsche Volk den 1. Dezember, den Ta.g der Unterzeichnung der Locarno-Verträge, begangen hat, ist Überaus charakteristisch für die uns beherrschende Grundstinamung. Uni das Tawes-^lbkoinmen glühte immerhin noch das^ Fieber des Millionenrausches. Locarno, das mehr bedeutet als Kredithingabe und Zinsverpslichtnng. hat man vhner alle Gefühlsemphase lediglich registriert. Während über den Wanderen Hauptstädten Europas ein festlicher Schimmer lag,i hat man bei uns den Borschlag, den Geburtstag des neirtfn Europa durch eine Stllllde der Besinnilug und Einkehr zu sseiern, mit Entschiedenheit Zurückgenuesen. Das wäre nicht ^ckchürnm, sofern hinter dieser Absage nur die Ablehnung der ' offiziellen Geste und deS befohlenen Pathos steht. Bedenklich aber muß es stimmeu, wenn hinter der Ablehnung sich das Urteil verbirgt, daß es des Aufwandes nicht lohne. Den Tag, den die Gegen wart zu feiern verschmähte, wird die Geschichte vielleicht dereinst in den Rang ihrer hohen Feiertage erheben. Oder sie uiivb einen &xan$ -wehmütiger Erinnerung an seinem Sockel niederlegen und in einem melancholischen Epilog seststellen, daß dieser Tag das Endglied in der ftcitc gescheiterter Versuche bedeute, Europa am Abgrund vorbeizustenern. Jedenfalls wird er so oder so in ihren Annalen ansbewahrt sein; die Gegenwart aber, die achtlos an ihm vorüberging, wird sich ins Unrecht gesetzt sehen. In auffallendem Gegensatz zu der Lauheit derer, die weltanschaulich und politisch ans Locarno gewissermaßen verpflichtet sind, steht die Haltung der Gegner, Keine Möglichkeit rüdester Abwehragitation ist ans dieser Seite ungenützt geblieben. Die Erregnngswoge, die sie anftürmteu, wird nicht so bald verlaufen sein, da eine Fortsetzung des Kampfes mit allen Mitteln feierlich angekündigt wurde. Die im Parlament verlorene Schlacht will man ans der Straße zurüclgewinnerr. Zur dramatischen Belebung der Szene schreit inan nach dem Staatsgerichtshof, vor bcn man die Unterzeichner schleppen will, und ein völkischer Führer sprach von der Revolverlugel, die im Laus der Pistole eines Elsässers vielleicht bereits ans Herrn Strejemann warte. Die sich in Wut und Geheul Äberschlagende Sprache der völkischen Presse zeigt, daß man zum äußersten entschlossen ist. Es wäre seltsam gewiesen für -deutsche Verhältnisse, wenn die wilde und zügellose Auseinandersetzung nicht auch den Kodengrund antisemitischer Schmähungen und Verdächtigungen aufgewühlt hätte. Man verzichtet nicht ohne Not auf das populärste aller Agitationsmittel, dessen probate Wirkung mehr als einmal bewiesen ist. Zwar sind die Zusammenhänge zwischen Judentum und Locarno etwas schwieriger zu konstruieren als beim Tawes-Jall. wo man mit dem „internationalen jüdischen Finanzkapital" ein angenehmes Gruseln zu erzeugen vermochte. Der Dawes-Plan: die wirksamste Waffe des internationalen jüdischen Großkapitals zur wirtschaftlichen Versklavung des deutschen Volkes — das klang immerhin noch einigermaßen plausibel. So ist es verständlich, daß Graf R e v e n t l o w in seinem „Reichsmark" vom 28. Nebelung 192b noch einmal die geliebten Pfade wandelt, indem allda versichert wird, daß durch Locarno die deutsche Arbeitnehmerschaft gezwungen werden solle, auf den Schlachtfeldern des „internationalen jüdischen Großkapitals" ihr Blut hinzngeben. Der europäische Zweckverband, das Panenropa, werde nur deshalb erstrebt, um Deutschland zur Ausbeutungskolonie des internationalen jüdischen Großkapitals zu machen unter den Bajonetten der jüdisch geleiteten Militärmacht Frankreich und seiner Hilfsvölker. Immerhin bleiben diese „Nebelung-Ergüsse" etwas nebelhaft und der Zusammenhang ist weniger real als beim Goldklang der Tawes-Miüionen. Deshalb wird der Beschuldigung diesmal eine andere Note gegeben. Daß unsere Wirtschaft Locarno braucht, daß die desolaten ökonomischen Zustände zwangsläufig nach einer europäischen Verständigung verlangen, vermag auch die dilettanteuhafte völkische Nationalökonomie nicht ganz in Abrede zu stellen, nachdem deutschnationale Jndustriesührer, also nicht nur „raffendes", sondern auch unbezweifelbares „schassendes" Kapital, Locarno gefordert haben. So muß diesmal der Stoß gegen die Gesamtwirtschaft geführt werden, die in irgendeiner Weise mit Juda zusammenzukuppeln ist. lind schon ist der nette Reim fertig. Tenn nun wird versichert, daß es „jüdische Art" sei, Wirtschaft als Lebensziel und Lebensinhalt zu betrachten. Nur dank der Ueberflutung der Welt mit jüdischer materialistischer Weltanschauung (so doziert die „Deutsche Zeitung" vom 26. November d. I.) sei die Verwirrung der Geister zustande gebracht, die uns zur Unterzeichnung verleitete. Germanische Welt- und Lebensanschauung 'würde die Unterschrift verweigert haben, denn sie ist „realistischer Idealismus". Aber die verwüstende Irrlehre des Judentums hat die germanische Eigenart überwuchert und erstickt. Die Lehre, daß sich nur aus einer gesicherten Wirtschaftsgrnndlage eine Kultur aufbauen lasse, sei eine fremde, uns ausgeliftete Vorstellungswelt, die freilich heute die Völlerschicksale bestimme. In einer germanischen Lebensordnung aber würden sich die wirtschaftlichen Fragen den Kulturbedingnissen unterordnen. Zur Bekräftigung wird erinnert an die grüßten Kulturträger und Kutturschöpser, wie Jesus, Luther, Schiller, Beethoven und Kant, die wirtschaftlich gar nichts besagen wollten.