Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-11-06 · 45 (6.11.1925) · p. Seite 717

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
45 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
Seite 717 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277614--02524-3537478
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

verlin,^ November 1925 IV. ^ahrganA * Nr. 45 Einzelnummer ro Gsl)?fsmi'rz Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen.Expedition Rudolf Mosse, Berlin S^V 19, und deren Filialen. Anzeigcnvreise: 0,90^7?^ für die 7gespaltcne Zeile nach RudolfMosses Normarzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigcn und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Ceinralvereins 0^45 üh.V~, die SO mm breite Rellamezeile 4M 3iJi* O fi fl Von Dr. Sigmund Feist. Bei der Lektüre von Werken und Schriften, die sich mit dem Verhältnis der deutschen Juden Zu ihren christlichen Mitbürgern befassen, stoßt man nicht selten auf die Auffassung, es bestehe aus dem Grunde ein Gegensatz Zwischen den beiden Gruppen, weil die christlichen Deutschen als „Germanen", die Juden als „Semiten" anzusehen seien. Diese Ansicht ist selbst bei wissenschaftlich oder literarisch führenden Männern gelegentlich anzutreffen. Es erscheint daher Zur Aufklärung unserer Leser über diese beiden Cchlagworte „Germanen" und „Semiten", hinter denen Zumeist keine deutlichen Vorstellungen Zu finden sind, einmal angebracht, an dieser Stelle das Verhältnis der Deutschen Zu den Germanen in objektiver Weise zu untersuchen. Wa s sind Ge r m a n e n? Jeder glaubt es zu wissen, obwohl der Inhalt des Wortes in der Geschichte wechselt; die Römer verstanden etwas anderes darunter als wir Modernen, wie ich an anderer stelle gezeigt habe. Für uns sind es die hochgewachsenen. blonden, blauäugigen nordischen Stämme, die einst das Römerreich über den Hausen rannten und sich selbst zil Zerren von großen Teilen seines Gebietes machten. Die abgehärteten, unverdorbenen, sittlich hochstehenden, treuen Natnrkinder, die nur edle Eigenschaften des Körpers und des Geistes besaßen, bildeten den schroffsten Gegensatz zu den verweichlichten, Perversen, hinterhältigen Romanen, die infolge ihres morschen Körpers und Geistes deur Anprall der Germanen nicht widerstehen konnten. — Ein Körnchen Wahrheit unter viel mehr Romantik! Schuld an diesen Vorstellungen ist nicht Zum wenigsten der römische Schriftsteller T a c i t u § , der uns in seiner „Om-manm" eilt unschätzbares, weil einzigartiges Denkmal hinterlassen hat, das als Hauptquelle für unsere Kenntnis von den alten Germanen dient. Aber Taci - ins hat Germanien nie gesehen: er schreibt darüber — man möchte den trivalen Vergleich nicht gerne gebrauchen, aber es gibt keinen treffenderen —.wie etwa ein moderner Reiseschriftsteller über erotische Völker, deren Land er nie betreten hat. Er schöpft einzig und allein ans literarischer Uebcrlieserung, aber aus ganz vorzüglicher, und darin besteht der große Wert seines Büchleins, das sich von der ganzen umfänglichen Literatur über die Germanen allein durch die Jahrhunderte gerettet hat. Eigenes gibt er. außer subjektiven Werturteilen, .kaum Zn den: Ileberlieferten hinzu. .Zum Glück besitzen wir ein Korrektiv für Tacitns' Romantik teils in Bruchstücken ans anderen klassischen Autoren, teils in den Saget! ans dem alten Island, wo sich unverfälschtes Germanentum bis tief ins Mittelalter erhalten hat. So schilderte der große Philosoph und Geschichtsschreiber P o s i d o n i u s, aus dem der Geograph S t r a b o vieles abbeschrieben hat, die Wildheit der Kimbern, bei denen die Kriegsgefangenen von Priesterinnen dem Schlachtengott geopfert wurden, indem sie ihnen den Bauch ausschlitzten, das Blut .in Hu. Becken rinnen ließen und aus den zuckenden Eingeweiden wahrsagten. Ein reales Seitenstück Zu dem. sausten N e r t h n s kult, von dem uns Tacituö berichtet! Oder wenn ein arabischer Schriftsteller des 10. Jahrhunderts n. Ehr. von der Bestattung eines Wikingerhäupttings in Rußland (bet Kiew) berichtet, daß dem Verstorbenen eine Jungfrau im Torenschiff mit ins Jenseits gegeben wird, die zunächst von zweien feiner Verwandten unter einem Zelt gebraucht und dann erwürgt wird. Tie altiständischen ^agas erzählen uns von naivem Zaubergtauben, wilder Blutrache und allerlei Hinterlist, die bei den germanischen Siedlern Islands im Schwang waren. Selbst noch in dem mittelalterlichen Nibelungenlied oder der Waltharisage schimmern die Züge wilden Germanentums (Siegfrieds Ermordung, Waltharius' und anderer Necken Verstümmlung im Kampf) hindurch. Das war germanische Art, nickst die süßliche Romantik des T a e i t u s . in dessen Wein wir viel Wasser gießen rnüpen, um zu dem wahren Wesen der Germanen 31t gelangen. Sind die heutigen Deutschen also in geistiger Hinsicht — von dem physischen Befund werden wir nachher noch kurz reden — noch als Germanen anzusehen? Das wird keiner behaupten wolle n. Selbst im Norden sind die alten Germanen ausaestorvLn, die Skandinavier und Dänen behaupten auch gar nicht, mit den alten Germanen identisch zu sein, diesen Anspruch haben nur unsere Völkischen gepachtet. Ein Abgrund trennt die nrodernen Nordeuropäer von ihren Vorfahren. Was speziell die Deutschen betrifft., so sind sie seit anderthalb Jahrtausenden durch so viel Metamorphosen hindurchgegangen, daß von ihrem Germanentum nichts mehr übriggeblieben ist. Ta kam Zuerst das große Erlebnis der Völkerwanderung. das die germanischen Stämme von ihrer Heimat hinweg in keltisches Land führte, lvo ihre Sprache tiefgehende Veränderung erlitt. Vom süddeutschen Kolonialgebiet nahm die erste Blütezeit deutscher Sprache, Literatur und Kultur ihren Ausgang, gleichwie die. neuhochdeutsche Schriftsprache vom wieder germanisierten slawischen Osten sich ausbreitete. Der Anteil des alten Germauengebiets in NordwesLdentschtand ist an den beiden Entwicklungen gering bzw. ganz ausgeschaltet. Ferner ist das auf neuert Boden verpflanzte Germanentum durch den Schmelztieget des Ehristentnms hindurchgegangen, -das seine Seele völlig umformte und ihr einen gart; neuen Inhalt gab. Dann kam immer wieder der -Einfluß der klassischen Kultur, der der germanischen Sprache durch Zufuhr neuen Gutes zur Nömerzeit, zur Zeit der karolingischen, ottvnischen und humanistischen Renaissance einen immer mehr sich ausdehnenden fremdartigen Stempel aufdrückte. Daneben steht der Einfluß französischer Kultur und Sprache in zwei Hauptbrennpunkten, im Rittertum und im 17. und 18. Jahrhundert. Was ist nach all den umwälzenden Einwirkungen vom Germanengeist noch übriggeblieben? Wir können getrost mit Andrea s H e u s - le r, der das gleiche Thema ans dem diesjährigen Philologentag 31t Erlangen behandelte, die Antwort geben: Nichts, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.