Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 42 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- Seite 685 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Oie übliche Versammlung - Der Einfluß der Unreifen - Prachtexemplare von Rednern - Sie fordern Enteignung des Großgrundbesitzes - „Widerliche" Krankheiten der völkischen Bewegung - Klatschsucht und gern geglaubte Verleumdungen. Im „D eil t s ch e n Dageblat t", bent maßgebenden Organ der norddeutschen völkischen, vom 7. Oktober niiiTint Oskar 3 11 c t \)« tage das Wort zu einem „Rückblick", um Lehren aus der Entwicklungsgeschichte der „B ö l k i s ch e n F r e i h e i t s b e w c - g u n g" der Gräfe, Wnlle und Henning zu ziehen. Auch der Gegner wird den Ernst imi> den Freimut achten, mit dein der völkische Führer den Finger 6'.‘ offene Wunden legt, lind dieser ernste Freimut ist die Gewähr oasür, das; 3ueth!age mit vielen ferner Feststellungen den Nagel auf den Kops trifft. Tie niederschmetternden Ergebnisse dieser Feststellungen müßten eigentlich 3nethlage stutzig machen, ob der völkische Weg, wie er ihn versteht, nicht der ist/der Deutschland erst ins Unheil führt. Das übersieht er vollkommen; er hastet au der ftvitif von recht schlimmen, ci u s; erlichen Verirrungen, die zwar bezeichnend sind, deren Beseitigung aber ohne eine völlige Aendenmg des inneren Gehaltes der deutschvölkischen Weltanschauung unmöglich iß. — Wir geben ans dem lehrreichen Aussätze die folgenden Stellen wieder. Zuerst schildert 3nethtage treffend die v ö l k i s ch e B e r s a m in - lang, wie sie bisher loar: „^chon au der Dür wurde man empfangen voll Jugendlichen, die mit ebensoviel Eifer nud Begeisterung wie Wichtigtuerei ihres Pförtner- und Hüteramtes walteten. Auf den Nednerbühnen Hakenkreuze und Fahnen und dazwischen die Besucher in einer Stimmung, die an Aufregung grenzte. Man wartete ans die Sensation, auf den Redner des Abends. Der Redner trat ans und fand den Beifall der Bi enge, um so mehr, je kühner und waghalsiger er sprach. Gesprochen wurde oft, als stände die grosze völkische Umwälzung vor der Dür. Die Zuhörer, zumal die Jugendlichen, nahmen als wörtlich: jeder, der einen Zweifel oder eine andere Meinung zu äußern wagte, war den ärgsten Beschimpfungen ausgesetzt, und man vergaß völlig, daß auch das keine Tat ist, wenn inan sagt, man wolle nn Stelle der Worte Daten setzen. Dafür aber verging kamn ein Abend, an dem nicht irgend jemand in feierlichster Weise Drene geschworen wurde." Ten -Klagen der E n t t ä u s ch t e n gibt der Berfasser dann überzeugenden Ausdruck: „Noch nichtsJa!)re umreit vergangen, und alles war abgeebbt. Aus dem ^tnnngewoge nun ein" sanftes Plätschern geworden, die Borsechter umreit verschwunden oder sie kämpften gegen die Führung der Bewegung, und von Begeisterung war nichts mehr zu merken. — Strohfeuer. Wenn mau sich aber nach alten treuen Mitkämpfern umsah. dann hörte man enttäuschte Klagen. Das, was man erhofft hatte, war nicht eingetreten. weder auf politischem noch auf wirtschaftlichem Gebiet, und vor allem hatte man das Vertrauen zu der Leitung und damit zur Sache selbst, mochte man sie nun Partei oder Bewegung nennen, verloren. Dabei traf die Parteileitung sicherlich keine Schuld, um so mehr aber die sogenannten Führer. Es war ja auch arg. was -an persönlicher Verhetzung und Verleumdung geleistet wurde, und cs war noch schlimmer, daß man bei jeder Gelegenheit die Wählerschaft, das Bersammlnugspnbliknm, und darunter besonders die jungen, unreifen Menschen, zu Richtern in Streitigkeiten gemacht hatte, die sich hätten vermeiden lassen oder die doch'in ganz anderen Formen hätten erledigt werden können." lieber den völkischen D u r ch s ch n i t t s r e d n e r nud seine jämmerliche Unbildung weiß Snethlage solgendes zu berichten: „Was ich bisher sagte, gilt im allgemeinen für die größeren Zentren, ganz arg aber war cs ans dem Lande und in' kleinen Städten. Was dort von Rednern auf die Menschheit losgelasfen wurde, das ist geradezu märchenhaft. Nieist waren sie sehr überzeugt von ihren Gaben, weil sie einmal dieses oder jenes völkische Buch gelesen hatten: oder aber sie hatten ihr völkisches Herz erst vor kurzer Zeit entdeckt. Dafür schimpften sie um so'herzhafter auf alle anderen Parteien, mit Vorliebe aber auf die Deutschnattonaleu ldie das mit nicht öffentlicher Minierarbeit zu beantworten pflegten,. Außerdem griffen sie womöglich die christliche Religion und das Hohenzollernhans an und stellten die baldige Enteignung sämtlichen Großgrundbesitzes in Aussicht. Kurz und gut. 'ein Elefant im Porzellanladen war, mit ihnen verglichen, recht harmlos." Und scharf geht er mit den noch täglich üppig ins Kraut schießenden völkische n B e r l e u m d u n g e n n n d B e r l e u m - dern ins Gericht: „Eine schauderhafte Krankheit haftet der völkischen Bewegung an, nag) schauderhafter als die widerliche Neigung zum Bllzautiuertum. tust der schon so mancher wertvolle Baum verdorben nuirde. das ist Klatschsucht und die Leichtgläubigkeit selbst den törichstcn Verleumdungen und den minderwertigsten, rmzuverlässigsten Verbreitern von (Gemeinheiten gegenüber. (Bon uns fett gesetzt. Die Schriftl.) Ebenso leicht, wie man Leuten Vertrauensposten überläßt, für deren Zuverlässigkeit nur ihr Aeußeres spricht, ebenso leicht glaubt man Verleumdern, die über jahrelang im Kampfe bewährte Männer Dinge erzählen, die sie zu Verbrechern stempeln. (Bon uns fett gesetzt.^ Die Schriftl.) Ja, man verurteilt sie, ohne ihnen auch nur die MvaUchkeit zu geben, sich zu verteidigen. (Ich möchte überhaupt gerne wisten, was so manche Menschen — und Blätter — unter „völkisch" verstehen: ich glaube, der Begriff ist für sie erfüllt, wenn einer das Maul furchtbar voll nimmt, auf alle anderen schimpft. Heil ruft und versichert. er allein sei wahrhaft völkisch.. Diese Krankheit ist übrigens auch bei unseren Antiparlamentariern sehr verbreitet, obgleich sie ihrem Ursprung nach sicherlich parlamentarisch ist. Wir aber müssen dieser Krankheit Herr werden, ivenn nicht die ganze Benrngung zugrunde gehen soll" wenn Nulle könnte, wie er wollte. Der Weg zur Freiheit in Groß-Berlin. Je naher die S t a d t v e r o r d n c t e n w a h l e n in Groß- B e r l i n Heranrücken, desto mehr bemerkt man den A u f m a x s ch bei'* a cf) tzeh n Parteien, die Wähler suchen. Wenn der äußere Kraftaufwand den Endsieg verbürgen könnte, dann wurde zweifellos die Völkische Freiheitspartei als Sieger am 25». Oktober in das Groß-Berliner Stadtparlament einziehew Tie um Wnlle haben bisher mehr Versammlungen abgehalten als alle anderen Parteien zusammen. Die Völkische Freiheitspartei läßt es sich etwas kosten, weiß sie doch, daß sie den Zusammenbruch nur aufhalten kann, wenn sie nach den Berliner Stadtverordnekenwahlen eine zahlenmäßige Auswärtsbewegung seststellt und als ein gutes Omen deutet. Als Hauptaufgabe seiner Partei im Stadtparlament Groß-Berlins bezeichnet Herr Wnlle in einem Referat über „D ett W e g zur F r e i h e i t‘ am 8. Oktober die Lösung des Wohnungsproblems. Dr. Eisenbart ist ein Waisenknabe gegen Herrn Wnlle: „'Seitdem der Völkerbund Palästina als Nation rechtlich anerkannt hat, ist der Beweis gegeben, daß nur Palästina das Heimatland der Juden ist. Wenn ich (Wnlle) Polizeipräsident in Berlin wäre, würde ich innerhalb zehn Tagen den Auszug der Kinder Israel nach Palästina einteiten. Sache der Stadtverordneten ist es. zu diesem ernsten (!) Problem der Wohnungsfrage Stellung zu nehmen. Die Lösung der Wohnnngssvage ist die Lösung der Jndenfrage." In derselben geschmackvollen Weise erzählte der völkische Landtagsabgeordnete Dr. v. Brehmer am 9. Oktober seinen Getreuen von den Zuknnftsptänen seiner Partei, nachdem er die Politik der Dentschnatiorralcn als unehrlich und nnwahrhaftig bezeichnet und Herrn Hergt als bewußten Betrüger am deutschen Volke gebrandnrarkt hatte: „Die Wohnungsfrage wird so gelöst, wie ich es dem Wohlfahrtsminister vorgeschlagen habe. Da 200 000 Wohnungen in Groß-Berlin fehlen und in Berlin 200 000 Ostjuden ansässig sind, haben die Deutschen, die jetzt ohne Wohnung sind, sofort ihr Recht, wenn das ostjüdische Pack abgeschoben wird." Faustdicke Unlvahrhciten — Berlin umfaßt im ganzen nur zirka 200 000 jüdische Seelen —, und doch werden sie geglaubt und ernten stürmischen Beifall. „Hakenkreuz und Arbeiterschaft" wird wieder zum beliebten Thema, um einen Ausgleich für den Mitgliederschwund zu schaffen. Und zwar mit allen Mitteln, auch durch N m w c v. b u n g De r K o m m lt n i ft c n. So sagte Herr v. B x c h tu c r in der Versammlung am 9. Oktober w örtlich : „Auch die Kommunisten, die mi: eine Weltanschauung ringen, die bei Gott nicht zu verdammen ist, sollten ihre Kampffront lieber gegen die Männer richten, die in den Tirektionsbnreans der jüdischen Banken sitzen." Wir habenimmer wieder tmd wieder, daraus hingewiesen, daß die Groß-Berliner S t a d t v e r o r d n e t e n w a h le n eine c r n ft z u n c h in ende A ngclegenhcit sin d. Tie wenigsten unserer Mitglieder und Freunde scheinen darüber im klaren zu