Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 42 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- Seite 682 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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682 Im Dichter, dieses schreiben! Haben Tie es vergessen, was das ist: der gute Ton der Heimatlaute? Ist nicht die Sprache alles? Umschließt sie nicht das ganze Gefühl eines Volkes, all seiner Teile? Ist es nicht ein Unterschied, ob ich Mutter sage oder Linde, oder Sommerabend oder Tod in deutscher Sprache, oder ob ich in einer anderen diese Begriffe bezeichne? Wodurch, meinen Sie, sind die Menschen der Vereinigten Staaten zu einem Volke geeint, oder die des unendlichen Rußland, das aus so vielen verschiedenen „rassigen" Stämmen besteht! Und ja, auch wir Deutsche: was verbindet den badischen Bodenseebauern, der aus keltisch-romanisch-germanischem Blut gemischt ist, mit dem ostelbischen Junker, der zu mehr als zwei Dritteln verslawt ist, und sich einen reinen Germanen nennt — was verbindet, wenn. nicht die Sprache, nur die Sprache, das wichtigste Bindemittel der Völker? . . . Zerschlagen dann nicht auch Sie das, was allein unser Land Zusammenhalten kann, znsammengehalten hat, das Gefühl der gemeinsamen Sprache, gewachsen aus dem der Schicksalsgemeinschaft. Gewiß, Sie sagen, das Gefühl der Schicksalsgemeinschaft des Christentums sei das stärkste und binde nur die Nichtjuden in Deutschland, unterscheide sie vornehmlich von uns. Aber gibt es denn in anderen Ländern nicht auch Christen, an deren Schicksal Sie dann so wesentlich teil Haben müßten. Nein, wir kennen eine andere ^chicksalsverbuudenheit: immer in den fast zweitausend Jahren haben Juden dafür büßen müssen, wenn die, mit denen sie in diesen Landschaften lebten, mit sich selber nicht mehr aus und ein wußten, wenn sie — ich wage es zu sagen — zu feige oder zu beschränkt waren, zu erkennen, das; sie selbst schuld waren an ihrem Unglück; wie oft waren Juden das Heilmittel, an dein die Fieber gekühlt wurden, wenn Deutschland krank war; immer mußten sie um Deutschland am meisten leiden, immer — schlossen die anderen bcn Sicherheitspalt, während Juden darum sterben mußten. Rat hell au ist ein typischer Fall nur. Gestatten Sie mir nicht, Freund, der Sie uns sind, dies S ch i ck s a l s - g e m e i n s ch a f t zu nennnen? Wir seien ausgeschlossen gewesen aus dem Kreise Ihrer Vorfahren! Waren denn nicht die Bauern, die Erundhörigeu auch ausgeschlossen, mußten nicht wahrscheinlich Ihre eigenen Vorfahren noch vor wenig mehr als hundert Jahren sich mindestens ebensosehr ducken, vielleicht noch mehr, als die Juden, nur daß der Grund und etwa die Form der Unterdrückung andere waren. Wie breit war der Graben zwischen den armen Bauern auf der kargen Scholle und manchen selbstsüchtigen, ausbeuterischen, selbstgenügsamen Feudalen! Gab es da ein Hinüber, ein Hinauf? Unterdrückung überall . . . Verstehen Sie mich recht: es soll hier nicht über Nasse oder Nichtrasse gehandelt werden. Sie werden nicht erwarten, daß ich mich lächerlich mache durch die Behauptung, wir seien desselben Blutes wie etwa die Nordfriesen. Aber Sie selbst, sind Sie nicht Lateiner nach Aussehen und nach Form Ihrer Schöpfungen, wenn ich dies allssprechen darf? Sie haben, verstatten Sie das Wort, nicht die Unmittelbarkeit rein germanischen Verschwebens, wie mir immer schien. Damit soll, verehrter Meister, beileibe kein Werturteil gefällt sein; und könnten Ihre Werke nicht im Musikalischen und der seelischen Haltung nach — etwa auch von Lissauer stammen; wäre dies ganz unmöglich? Cs geht hier also um anderes. Ist es Ihnen nicht bekannt, daß man fast sagen kann, die 'Sprache, durch die sich die menten Inden der Welt verständigen können, sei die deutsche; obwohl in diesem Lande hellte nur etwa 600 000 Juden wohnen. Worin kann das wohl seinen Grund haben? Von hier wanderte ja ein Teil von uns hinaus und bewahrte sich dabei dieses wertvollste Symbol. Gewiß ist Ihnen bekannt, daß viele, viele Sprachelemente der ostjüdischen Menschen Stücke aus der Sprache Meister Eckhardts find, bewahrt über fünfhundert Jahre mit seelenhafter Treue. Wo anders findet: wir solches Phänomen? Nichtjüdische deutsche Auswanderer pflegten schon auf den Ozeandampfern damit anzufangen, englisch zu sprechen. Und haben Sie davon gehört, daß es einen jüdischen Minnesänger gab, dem deutsche Strophen gelangen, die an Walthersche Größe ulld Melancholie erinnern ilnd vor allem beweisen, daß wir nicht erst heute vom gemeinsamen, sprachlichen Rhythnnls bewegt werden, der unseren Gefühlen reinstes Zeichen wird und deutschen G-e i st n o t w e n d i g a l s I n h a l t hat. Unsere Absonderung war eben nur während verhältnismäßig kurzer Zeit so stark, wie Sie es zu glauben scheinen; immer gingen die Ströme der Kultur hin und her, wobei wir keineswegs nur die Nehmenden waren. Nun aber die. zweite Frage: Sie behaupten, wir I ll d e n u n t e r schiede n u n s v o n d e tt „G c v m a n c n" btt reff unserer: In tellekt u alis m u s schlechthin. Wie, auch Sie übernehmen.dieses Schlagwort! Haben Die nie bedacht, daß die wenigen „Großstadtliteraten", die besonders auffallen könnten — voll Heine angefangen! — nicht in Betracht kommen können vor der bedeutenden Zahl der anderen jüdischen Menschen, die ländlich verwurzelt sind, nicht begrifflich, joubern in der Anschauung leben und das deutsche Heimatgesühl ganz rein in sich haben; daß es dagegen unter Ihnen einen Intellektualismus glbt, weit gefährlicher und widerlicher, weil flacher und kleinlicher. Haben ferner nicht auch ^ie cimn Otto Flake ebensowohl als einen Jakob Kneip unb (JmamicI von Bodmaunf Diese beiden Arten gibt es auch bei uns. War nicht der ganz billige, dünkelhafte, aufklärerische Uns-kann-koiner-Standpltnkt der Vorkriegszeit, der, wie Sie selbst sagen, daran war, die deutsche Bildung zu vernichten, wenn wir nicht gewesen wären, ein Intellektualismus, der wahrlich nicht von Juden stammte. Mit Verlaub, wir begnügen uns nicht damit, nur der Hecht im deutschen Karpfenteich zu sein, wie Sie — verzeihen Sie -- mit einem etwas billigen Vergleich meinen, der schon deswegen nicht stimmt, weil der Karpfen gewöhnlich für gutmütiger gilt, als Sie selbst es wohl für das Verhalten der „Germanen" uns gegenüber wahrhaben wollen. Nein, das wäre für Sie zu viel, für uns aber zu wenig. Cs ist eben nicht gestattet, verallgemeinernd vom Intellektualismus der Inden schlechthin zu sprechen, ohne Beweise dafür anzutreten, und ihn dazu mit dem Begriff Internationalismus schlankweg gleichzuseßen. Ich finde es ein wenig — literarisch, wenn Sie den jüdischen Intellektuellen grüs;en/..wie ehemals die Kämpfer ans Tod und Leben einander grüßten". Dieses Kampfes bedarf es nicht; denn es ist doch etwas mehr in uns. als dieses Hechttum des Jntcllek- Uialismus, nicht weniger und nicht mehr, als die große Fähigkeit der Intuition und des schöpferischen Instinkts ans reinsteur Gefühl, die zmn Beispiel unsere und Ihre Bibel schufen, und die gerade wir für das halten, was uns' an das Beste int Deutschtum kettet. Es geht nicht an, unser Wesen im Verhältnis zu diesem Deutschland negativ zu umschreiben, da es Positiv zu gut möglich ist. Warum ich von dieser Stelle aus zu Ihnen spreche? Weil diese Blätter die Vertretung der großen M e h v z a h l v o n Menschen sein wollen, die s i ch deutsche I u d e n mit gefü h l s mäßiger Betonung nennen, und weil mir so ist, als stünden hier alle hinter mir, und ich sagte für sie diese Worte zu Ihnen, dem Mann. der es doch wie wenige geformt hat, was wir sür das Land bedeuten; vielleicht zu gut für einen, der die Verhältnisse genau kennt. Wir danken Ihnen. In Ergebenheit und Verehrung K ö! n , im Oktober 1025. Ihr Jakob Picard. Das erste Gebot. X SßodicnSetradjtung. Es ist das Verdienst der materialistischen Gcschichtsausfasstmg. daß sie uns gezeigt hat, wie nicht bloß die Herren und großen Persönlichkeiten und die in ihnen vielfach verkörperten Ideen und sittliel)en Kräfte, sondern auch die rein sinnlichen, triebhaft int Menschen lebendiger! Gewalten den Lauf der Menschheitsgeschichte gelenkt und bestimmt haben. Diesem Gedanken trägt arich die in der goldenen Mitte zwischen Idealismus und Materialismus sich bewegertde jüdische Weltanffassnng Rechnung. Wenn irach einem Dichterrvort der Hunger und die Liebe es sind, die das Wettgetriebe regeln, so ist der gleich Gedanke ausgesprochen in dem ersten Gebote, rvelches an die neugeschassene Menschheit ergeht. Und Gott segnete sie unb sprach zu ihnen: ,Seid fruchtbar tmd mehret euch und süllet die Erde und unterjocht sie unb herrschet über die FistG des Meeres und über die Böget des Himmels und über alles Getier, das sich ans der Erde regt." Das heilige Buch der Lehre beginnt mit dem schaffenden Gotte, der dann auch an sein Geschöpf, den Menschen, den Befehl ergehen lässt, sich zu entfalten, zu leben und das Leben .zu mehren. Die tnenschliche Vollkommenheit ergibt sich erst aus der Vereinigung von Mann und Weib. Der Mensch hat seine irdische Aufgabe nicht gelöst, der nicht dazu beiträgt, daß die Welt von seinesgleichen bewohnt wird und bleibt. Zu dein „Seid fruchtbar und mehret euch" kommt aber noch hinzu das „Füllet die Erde mtd tmterjochet sie". Tie Gründung der Familie hat nur Sinn, wenn auch für ihre Erhaltung Fürsorge getroffen wird. Dazu ist dem Menschen das Recht der Unterwerfung und Beherrschmut der Raturkräste gegeben. Das Mittel zur Ausübung dieses Rechts ist Arbeit im weitesten Sinne des Wortes. Arbeit und Familie stehen int engsten Znsamutenhang. Kein Recht aus Familieugründuug ohne Arbeit. Arbeit muß aber in dent llmfange lohnend sein, daß Familiengründung möglich ist. Das ist das erste Gebot der Schrift, welches an jeden Mem'chcn ergeht: „Arbeite und gründe ein Haust" H o f s nt a u n.